Vorspiel: Das Eigentliche kommt erst noch.
„Vorspiel, das klingt immer wie Vorwäsche, wie ein lauwarmes Einweichprogramm.“
Seine Finger gleiten tiefer, tauchen in sie ein. Ihr Atem geht schnell, sie stöhnt leise, während sie bemerkt, dass seine Küsse sich in kleine Bisse verwandeln. Er drängt sein Becken näher an ihres. Er glaubt, dass sie so weit sein könnte. Sie fragt sich, ob er schon will.
Ihre Fragen bleiben unausgesprochen, sie sind ihnen so vertraut, dass sie sie kaum bemerken. Sie begleiten sie wie erotische Schatten. Wann ist es so weit? Wann schläft man wirklich miteinander, wann beginnt man mit dem Geschlechtsverkehr? Wann ist es vorbei: das Vorspiel? Vorspiel, das klingt immer wie Vorwäsche, wie ein lauwarmes Einweichprogramm. Oder wie die Vorgruppe, die möglichst schnell die Bühne räumen soll, damit der Top-Act endlich loslegen kann. Vorspiel, das heißt, das Eigentliche kommt erst noch. "Die Aufgabe des Vorspiels liegt darin, für eine effektive Stimulation zu sorgen, die die Partner physisch und psychisch auf den Geschlechtsakt vorbereiten. Dank dieser Vorbereitung kann er bei beiden Partnern mit dem Orgasmus abschließen", sagt das rororo-Sachbuch "Sexualität".
Wirklich intim miteinander sind wir beim Vorspiel.
Wirklich intim miteinander werden wir laut dieser Definition erst, wenn das Vorspiel vorbei ist. Glücklicherweise stammt der rororo-Band samt Zitat aus dem Jahr 1977. Damals wurde das Vorspiel überhaupt erst Mainstream, die Sexualität legte noch ihre Ketten ab. Unser Verständnis von Sexualität ist seither deutlich komplexer geworden. Wir haben verstanden, dass sich beim Sex unsere Bedürfnisse nach Bindung und Lust vermischen. Dass wir Ekstase und Exzess erleben möchten, aber auch Akzeptanz und Zugehörigkeit. Und dass es dazu mehr braucht als routiniertes Fummeln und dann Beischlaf inklusive Orgasmus. Der amerikanische Sexualtherapeut David Schnarch, der mit seinem Buch "Die Psychologie sexueller Leidenschaft" auch in Deutschland die Sexuallandschaft aufgemischt hat, geht aber noch weiter. Seine These: Wirklich intim miteinander sind wir keineswegs beim eigentlichen Sex, sondern bei dem, was wir vorher tun. Beim Vorspiel. Paare, so seine Diagnose, fliehen regelrecht in den Koitus, wenn sie drohen, einander zu nahe zu kommen. Sie wechseln zum Koitus, weil sie darüber die Intimität des Vorspiels unbewusst wieder auf ein für sie erträgliches Maß herunterregulieren können.











