Sex
Wie Pornos aus dem Internet Beziehungen verändern

Pornos aus dem Internet sind mehr als eine erotische Parallelwelt. Pornografie ist allgegenwärtig und beeinflusst unser Liebesleben stärker, als wir ahnen, sagt der Hamburger Paartherapeut Oskar Holzberg.

Foto: VRD/Fotolia.com

Heute Nacht hat Jochen Sex mit Mia Bangg. Eigentlich ist Jochen seit vier Jahren mit Frauke zusammen. Aber Frauke schläft schon. Und Mia Bangg schläft nie. Jochen hat Frauke eine gute Nacht gewünscht und gesagt, er müsse noch ein paar Mails checken. Frauke wusste nicht, ob das stimmt. Sie wusste nur, dass es nicht immer stimmt. Wenn Jochen behauptet, auf Facebook zu sein, kann er genauso gut auf youporn.com surfen. Aber ganz genau möchte Frauke es auch gar nicht wissen. Wer möchte schon wissen, dass der eigene Partner gerade ausgiebig Cybersex hat und sich im Nebenzimmer mit Internetpornos aufgeilt.

Jeder dritte Download und jede vierte Suchanfrage im Netz betrifft Pornografie. 30 Prozent des weltweiten Datenstroms bewegen pornografisches Material. Allein die Pornoseiten der Manwin-Gruppe, eines der größten internationalen Pornoanbieter, haben 16 Milliarden Seitenaufrufe monatlich. Zum Vergleich: die Online-Enzyklopädie Wikipedia kommt gerade mal auf sechs Milliarden Aufrufe. Man könnte meinen, Pornografie sei der eigentliche Grund für die Existenz des Internets.

Rechnen wir unsere gänzlich unverdächtigen Mütter und die Grundschulkinder ab, bleibt statistisch kaum jemand übrig, der sich nicht virtuell an nacktem Fleisch ergötzt. Weil zwei Drittel der Pornonutzer ihr Vergnügen geheim halten, aber 70 Prozent der Männer sich Pornos anschauen, ist die Wahrscheinlichkeit, dass auch der eigene Partner mitklickt, bei Weitem größer als die, dass er es nicht tut. Wer im Jahr 2013 in einer festen Partnerschaft lebt, muss sich fragen, ob und wie er eine erotische Parallelwelt in seiner Liebesbeziehung akzeptieren kann. Und wie die Pornowelt die gemeinsame Sexualität beeinflusst.

Pornografie, die explizite Darstellung sexueller Handlungen, findet sich schon auf Höhlenzeichnungen und griechischen Vasen. Und bis in die 90er Jahre war unter Papas Münzsammlung ein Stapel dänischer Pornohefte versteckt. "PorNO" - die Ablehnung von Pornografie als Frauen verachtende Darstellung - war ein Thema, für das sich Alice Schwarzer engagierte, das die meisten aber ignorierten. Scheinbar liberal, verzichteten die Deutschen auf eine Meinung. Wozu auch? Mit Pornografie hatten nur ein paar arme Tröpfe zu tun, die mit gesenktem Kopf ins Bahnhofskino schlichen.

Die Schmuddelkinos sind Geschichte. Heute wissen wir um die Allgegenwart der Pornografie. Um dann doch geschockt zu sein, wenn uns die Pornostars vom iPad unseres Partners entgegenhecheln. Auf der Festplatte des Liebsten eine Pornosammlung zu finden gehört mittlerweile zu den Klassikern des Paarlebens. Die Standard-Erklärung lautet dann: "Das hat doch nichts mit uns zu tun, Schatz, mach ich nur zur Entspannung." Aber ist das die ganze Wahrheit?

Was im Netz bewundert wird, möchte keiner zu Hause haben

Folgt man Sexualtherapeutinnen wie Esther Perel, dann hat Pornografie grundsätzlich wenig mit dem realen Sex auf der Federkernmatratze zu tun. Die erotische Fantasiewelt existiert unabhängig von der real gelebten körperlichen Liebe, als eigener Bereich der menschlichen Sexualität. Grundsätzlich möchte, wer Dauergast auf den Sado-Seiten ist, seiner Gattin kein Härchen krümmen. Das Porno-Net bildet nur die Kulisse für einen Teil seines Selbst, mit dem er in der Wirklichkeit nur wenig anzufangen weiß.

Und auch die Masturbation ist nicht die Notlösung, als die sie gern hingestellt wird. Selbstbefriedigung ist weitestgehend unabhängig davon, wie befriedigend und häufig der Partner-Sex ist. Die bekannte amerikanische Liebesforscherin Helen Fisher sieht im Pornokonsum sogar eine gute Möglichkeit, partnerschaftliche Hormone zu entfesseln. Porno führt zu mehr Dopamin, führt zu mehr Testosteron, führt zu mehr Lust. Und der amerikanische Sexualtherapeut Joe Kort hat die Erfahrung gemacht, dass die bevorzugten pornografischen Fantasien wichtige Lebensthemen verraten können, an denen eine Beziehung wachsen kann. Doch nur sofern sie vom Paar offen verhandelt werden.

Vor ein paar Jahren war dies noch die Wahrheit. Und Pornografie war ein Teil unserer sexuellen Fantasien. Aber die Verhältnisse haben sich umgekehrt. Unsere Fantasie ist längst ein Teil der Pornografie geworden. Die gigantische Porno-Industrie, die allein in den USA alle 40 Minuten einen neuen Porno produziert und jährlich geschätzte 100 Milliarden Dollar umsetzt, hat uns mittlerweile fest im Griff.

"Brazilian waxing", das uns mittlerweile so vertraut ist wie Kariesprophylaxe, ist ein Produkt der Porno-Industrie - die Schambehaarung behinderte den Blick der Kamera. Heute trägt die halbe Welt den haarlosen Look. Und auch dass jeder Drogeriemarkt mittlerweile Gleitmittel für Anal-Sex im Sortiment führt, verdanken wir der Porno-Industrie. In Pornos ist Analverkehr eine Alltagshandlung wie Geschirrspülerleeren. Und auch, wenn nur knapp 20 Prozent der Frauen in Deutschland Analverkehr praktizieren - der Druck wächst.

Muss man diese Geheimnisse einfach tolerieren?

Für heftige Pornokonsumenten ist die genitale Penetration nicht mehr erregend genug. Wenn die eigene Ehefrau nicht mitmacht, wird die Lücke zwischen Illusion und Wirklichkeit dann wieder durch die Pornografie selbst geschlossen. Aber sollte eine aufgeklärte, liebende Partnerin das Laster ihres Geliebten nicht einfach als nerviges Zeitphänomen tolerieren? Schließlich hat doch jeder in einer Partnerschaft das Recht auf seinen ganz persönlichen Raum und Geheimnisse. Oder ist es zu viel verlangt, einen Mann zu respektieren und sich von ihm respektiert zu fühlen, der offensichtlich nichts toller findet, als dauergeilen Typen dabei zuzusehen, wie sie stöhnenden Frauen ins Gesicht ejakulieren?

Dass der Cocktail aus Internet und Pornografie nicht harmlos ist, zeigen die 8 bis 15 Prozent der Pornofans, die süchtig werden. Die Jagd nach gepixeltem Sex bestimmt das Leben der Abhängigen, auf deren Festplatten sich schon mal 25 000 aufgeilende Bilder stapeln. Internet-Sexsucht ist eine nicht stoffgebundene Verhaltenssucht, die den Erkrankten zunehmend dominiert, emotional auslaugt und letztlich ökonomisch ruinieren kann.

Pornografie verändert unser Gehirn auf ungute Weise. Pornokonsum führt auch beim noch nicht süchtigen Konsumenten zu immer mehr Pornokonsum. Zum Konsum immer extremerer Pornografie. Und zu einer Desensibilisierung, die in der realen Sexualität zu Erektionsproblemen, verzögerten Orgasmen und sinkender Lust auf die Partnerin führt. "Beim Masturbieren zu pornografischen Filmen wird im männlichen Gehirn kurzzeitig eine große Menge Dopamin freigesetzt, das bei Männern ein oder zwei Stunden lang die Stimmung hebt und das Allgemeinbefinden verbessert.

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  • Text: Oskar Holzberg

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