Partnerschaft

Plötzlich verliebt in eine Frau

Eine Frau entdeckt die Liebe – zu einer Frau. Aber wie sagt sie ihrem Ehemann, dass sie plötzlich verliebt in eine Frau ist?

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Erst als alles vorbei war, hat die 48-jährige Bauzeichnerin Marlise Kronenberg* gemerkt, wie "zuzementiert" ihr bisheriges Leben verlaufen war. Bis dahin war es ihr völlig normal vorgekommen. Frühe Heirat mit dem Speditionskaufmann Christoph Kronenberg, keine Kinder, Haus auf Raten, Urlaub im elterlichen Ferienhaus auf Norderney. Alles vorhersehbar, alles wie jeden Tag. Alles schien so weit in Ordnung. "Im Bett herrschte bei mir und Christoph eine Art freundschaftliche Friedhofsruhe", erinnert sich Marlise Kronenberg, "ich war dankbar, dass er genauso bedürfnislos war wie ich. Deshalb hatten wir die ganzen Jahre keine Probleme."

Es gibt viele Ehen wie diese. Ehen, aus denen ganz langsam die Luft entweicht wie aus einem Ballon. In denen Aktivitäten, Kinder und Freunde lange darüber hinwegtäuschen können, dass dem Paar, wie in dem Gedicht "Sachliche Romanze" von Erich Kästner beschrieben, die Liebe längst abhandengekommen ist "wie andern Menschen ein Stock oder Hut". Natürlich gab es auch bei Marlise Kronenberg Warnzeichen, nicht nur die entspannte Bedürfnislosigkeit im Bett. "Ich sorgte dafür, dass bei uns immer Trubel war", sagt sie, "weil ich keine Lust hatte, mit Christoph allein zu sein. Ich wusste einfach nicht, was ich mit ihm reden sollte." Das wachsende Gefühl, im falschen Leben festzustecken, verdrängte sie. "Ich hatte keine Ahnung, wie sich Liebe, wie sich Leidenschaft anfühlt." Bis vor zwei Jahren im Nachbarhaus Jana Steffen einzog, zehn Jahre jünger, drei kleine Kinder, ein Ehemann, der häufig auf Dienstreisen war.

Marlise Kronenberg hieß sie mit einem selbst gebackenen Marmorkuchen willkommen, sehr schnell, sehr selbstverständlich verbrachten sie bald jede freie Minute zusammen. Dass sie sich auf einmal so jung, so erwartungsvoll, so bis in die Zehenspitzen lebendig fühlte, hielt Marlise Kronenberg für die Freude über das Glück, eine neue Freundin gefunden zu haben. Bis zu dem Kindergeburtstag von Janas jüngstem Sohn. Alle Gäste waren schon gegangen, die Kinder spielten im Garten, und Jana Steffen sagte ganz unvermittelt zu ihr: "Ich fürchte, ich habe mich in dich verliebt." Sie küssten sich, und ohne jede Vorwarnung brach bei Marlise Kronenberg ein Damm, so unentrinnbar, so gewaltig, dass alles weggeschwemmt wurde. Ihre Ehe, ihr altes Leben, alles verblasste, alles wurde unwichtig. So also fühlte sich Liebe an. So bedingungslos, so prickelnd, so stark! "Ich habe in meiner Ehe nicht gelitten, aber ich habe auch nichts gefühlt", sagt Mar-lise Kronenberg, "ich wusste in dieser Sekunde, dass ich nie wieder mit meinem Mann würde schlafen können. Es war für immer vorbei."

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  • Text: Evelin Holst
    Foto: Regina Recht
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