Begegnungen
Unterwegs in Sachen Flohmarkt
Auf dem Flohmarkt gibt es eine Menge Sachen, klar. Und was ist mit den Menschen, die sie verkaufen? Wieso trennt man sich von bestimmten Gegenständen? BRIGITTE-woman.de-Mitarbeiterin Jessica Sabasch war auf dem Flohmarkt unterwegs und hat nachgefragt.
Als ich ihm erzähle, dass ich eine Bilderstrecke für BRIGITTE-woman.de mache, sagt Werner Lang: "Internetz? Das tu ich mir nicht an!" Der 82-jährige verkauft Spielzeug in bestem Zustand. Damit haben früher die Kinder und Enkel gespielt. Inzwischen hat er schon Urenkel. Und zuhause gibt's immer noch genug Lego, Playmobil und Co. Auf dem Foto nicht zu sehen: Die Pflanzenableger, die Herr Lang außerdem noch verkauft, zum Beispiel Dachwurzeln und Steinbrech. Bald will er sich aus den Flohmarkt-Geschäften zurückziehen. Sehr schade! Ich ziehe weiter.
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Gabriele und Elke sind mit ihrem Platz nicht so ganz glücklich. Ich habe sie trotzdem gefunden und sehe sofort: Der Stand der beiden Frauen ist einer der topguten. Mit dem antiken Holzroller kurvten einst inzwischen groß-gewordene Familienmitglieder durch die Gegend.
Kerzenständer, Tortenheber, allerlei hübsches Küchenutensil und eine antike Glasschale in Hasenform (unten rechts). Jedem Sachensucher schlägt hier das Herz höher.
Leider unverkäuflich ist diese Hündin, an der ich unmöglich einfach so vorbeigehen kann, "Fritzi". Ihre Besitzerin Gwen erzählt mir, dass sie demnächst nach Norwegen auswandert. Deswegen muss sie noch schnell ein paar Sachen loswerden. Natürlich nicht Fritzi, die abwechselnd den Stand bewacht und sich im Hintergrund ausruht.
Die vier Damen vom Grill, äh Flohmarkt, machen es richtig: Sie haben Spaß und bekommen (im Gegensatz zu mir) keinen Sonnenbrand. Drei Mal im Jahr verkaufen Anja, Constanze, Bellinda und Deborah (v.l.n.r.) zusammen ihre Sachen. Eine bunte Mischung aus Spielen, Schuhen, Geschirr und Kleidung.
Früh übt sich der fleißge Sachen-Verkäufer. Seine "Findet Nemo"-Bettwäsche (vorne links) möchte Robin unbedingt noch verkaufen. Weil er selbst jetzt schon zu alt dafür ist. "Okay. Klar. Und wieviel kostet die?" "2 Euro 50" sagt Robin, wie aus der Pistole geschossen. Leider bin ich halt auch schon zu alt für Bettwäsche mit Fischmotiv.
Nie zu alt dagegen ist man für neue Musikinstrumente. Tolles Ding! "Wie heißt das genau?" Abiturientin Selina kann's mir nicht sofort sagen, das Instrument gehört ihrem Vater. "Der traut gerade noch". Selinas Vater ist nämlich Standesbeamter, es ist Samstag, da heiraten die Leute gern. So kommt es, dass sie mir sämtliche Hintergrundinformationen per E-Mail nachreicht. Das Ding ist eine Hammond-Orgel, etwa 80 Jahre alt. Beliebt vor allem in Jazzmusik-Kreisen. Am liebsten würde ich die Orgel einpacken, aber ich bin mit dem Fahrrad da. 60 Euro möchte die Abiturientin gern dafür. Sonnencreme bietet sie mir zauberhafterweise auch noch an - kostenlos.
"Was wünschen Sie?" höre ich eine Stimme hinter mir, als ich gerade am Weitergehen bin. "Na ein Foto von Ihnen dreien!" Gesagt, getan. Ich knipse außerdem noch das Camping-Verboten-Schild, das zum Verkauf steht für etwa 10 Euro. Woher es irgendwann einmal kam ist nicht so ganz sicher. Vermutlich ein (entwendetes) Mitbringsel von Freunden aus dem Italien-Urlaub. Zum Glück steht auf dem Schild nicht: Fotografieren-Verboten.
Inge und Thorsten sind schon seit fünf Uhr in der Früh am Aufbauen, Umräumen, tüchtigst Verkaufen. Weil Inge zuviel shoppt, muss manchmal aussortiert werden, um Platz für neue Sachen zu schaffen. Den Hocker haben die beiden selbst mal vom Flohmarkt mitgenommen. Sie bieten ihn mir zum Feierabendpreis von 18 Euro an. Dabei passt er so perfekt zu Inges Schuhen...
Die Besitzerin dieses tollen Sachen-Arrangements macht gerade Kaffeepause. Zum Glück, sonst müsste ich sie nach dem Preis der Lampe fragen und das Ding womöglich auf dem Gepäckträger durch die halbe Stadt transportieren. Schnell weiter!
Weil ein attraktiver Mann mittleren Alters in einer woman.de-Bilderstrecke nicht verkehrt sein kann, spreche ich Andreas an. Er verkauft Art-Deco-Vasen...
...Kannen, Schalen und allerlei antiken Schnick&Schnack. Zum Beispiel den "Snackboy" aus Glas (gegenüber vom Miniatur-Hasen). Das Ding durfte in den 1960ern auf keinem Partytisch fehlen. Und noch heute würden sich Gäste sicher freuen, Nüsschen und Salzstangen daraus zu knabbern.
Zusammen ist man weniger allein. Für leibliches Wohl ist gesorgt, und zu viert macht das Verkaufen einfach mehr Spaß. Die Stimmung bei den vier Freunden ist so gut, dass ich mich zu einem irrationalen Schuhkauf verleiten lasse...
Von Silke (links) kaufe ich also am schönsten Sommertag diese mit Schaffell gefütterten Winterstiefel in tiptoppem Zustand. Sogar das Preisschild in DM klebt noch drauf. 160 Deutsche Mark haben die Stiefel mal gekostet, sie gehörten der Großmutter einer Freundin von Silke und sind meine frühzeitige Absicherung für den Winter.
Kann das Zufall sein? Als ich diese beiden um ein Foto bitte, weil sie gerade so munter plauschen, stellt sich Folgendes heraus: Die Dame war vor 30 Jahren mit ihrer Mutter in der BRIGITTE. Anlass war eine Reportage über Mütter und Töchter. Mit Mann und Hund verkauft sie heute unter anderem schöne Polsterstoffe aus Italien, wo sie auch fünf Jahre lebte. "Auf dem Flohmarkt sind wir vor allem aus Spaß an der Freude und der Leute wegen."
"Ilsebill salzte nach", so beginnt "Der Butt" von Günter Grass, den ich von diesem Bücherstand mitnehme für vier Euro in der schönen Luchterhand-Ausgabe. Außerdem gesammelte Stücke von Woody Allen mit dem Titel "Ohne Leit kein Freud".
25 Jahre lang war dieser Herr Buchhändler. Dass er viel von Büchern (und Menschen) versteht, ist naheliegend.
Vor dieser Kiste bleibe ich eine Weile stehen, krame in den alten Fotos. Ich entdecke Paare, Frauen in Sonntagskleidern, Freundinnen, die selbst Fotos gucken (oder sind sie Schwestern? Das Foto rechts unten). Jedes Bild erzählt eine Geschichte, einen Erzähler gibt es nicht (mehr). Die Dame, die den Stand betreut, hat kein persönliches Verhältnis zu den Bildern. Woher sie kommen? "Aus verschiedenen Haushaltsauflösungen." Immer wenn ich diese alten Fotos in Kisten sehe, denke ich, "So viel(e) Leben". Am Ende trage ich vom Flohmarkt ein Paar Winterstiefel, zwei Bücher und Geschichten (echte und ausgedachte) nach Hause.
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am um
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CoraS
am 24.07.12 um 21:34
Schön, dass mal das tolle Freizeitvergnügen Flohmarkt redaktionell aufgegriffen wird. Ohne Flohmärkte wäre das Leben um einiges trister, denn jeder "profitiert" auf irgendeine Weise vom Stöbern und (Wieder-)Finden.
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Bärbel Born
am 18.07.12 um 15:50
Modebewusste entdecken mehr und mehr, dass Bewusstsein nicht heissen muss es anderen nachzumachen! Individualität und bedachter Ungang mit Ressourcen wird großgeschrieben. Dies führt mehr und mehr dazu, dass Kreative aus Altem etwas Neues, Unverwechselbares gestalten, frei kombinieren und aufwerten. Flohmärkte sind dafür ein umweltbewusster Fundus, da nichts aufwändig mit der Post durch die Gegen verschickt werden muss. Außerdem ist jeder Markt ein wenig wie eine Schatzsuche, man weiß nie was man dort findet. Ich liebe Flohmärkte.
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Alligator
am 14.07.12 um 10:30
Flohmarkt ist in vielen Köpfen - Ramsch - die Bilderserie zeigt dahinter verbergen
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sonntagsbesuch
am 12.07.12 um 08:22
sehr tolle Foto-Strecke: man bekommt sofort Lust auch mal wieder auf den Flohmarkt zu gehen, alleine schon wegen der Bilder, die das Auge dort bekommt!
mehr (4)sich viele Geschichten, manchmal auch sehr traurige, ich finde es schön, dass es
für die "nicht mehr aktuellen" Modelle Abnehmer gibt, die die Dinge zu schätzen wissen. Der Betrachter schein den Flohmarkt zu lieben.