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Sylt: Seelenlandschaft aus Eis

Betörend, zauberhaft, magisch - die Worte sind abgenutzt. Die Wirklichkeit ist es nicht. Für Karin Weber-Duve, stellvertretende Chefredakteurin von BRIGITTE WOMAN, gehört ein Spaziergang am winterwütigen Meer auf der Nordseeinsel Sylt zu den schönsten Erlebnissen des ganzen Jahres.

Foto: Inga Nielsen/Fotolia.com

Ein Schritt, ein Atemzug. Ein Schritt, ein Atemzug, ein Schritt, ein Atemzug. Der tief gefrorene Strandsaum knirscht unter meinen Füßen. Ich bin am Ellenbogen, dem nördlichsten Teil der Insel - Lichtjahre entfernt von der Kampener Whiskey- und Champagnermeile. Der Spaziergang gleicht einer Meditation: Der Kopf wird frei von störenden Gedanken, Grübeleien, Sorgen. Schmutz wird aus der Seele gezogen, und ich habe nur noch Augen für diese Winterwunderwelt, auf die ich mich 360 Tage im Jahr freue: die wild schäumende Nordsee, der fahlblaue Himmel, groß und übermächtig. Die schneebedeckte Dünenlandschaft - wie ein Miniatur-Alpenpanorama -, die filigranen, mit dünner Eisschicht umhüllten Strandgräser, die im Gegenlicht aussehen wie kunstvolle japanische Tuschezeichnungen. Mein Atem dampft, und ich frage mich, ob Möwen eigentlich anders Luft holen als wir - da dampft nichts, obwohl sie immerzu kreischen.

Wie immer, wenn ich am Meer bin, fällt mir der Begriff vom "geordneten Chaos" ein. Der Strand in Meeresnähe ist voller wellenförmiger Muster und Abdrücke, aber keine Linie gleicht der anderen. Jede Muschel ist ein Unikat, jede Düne hat ihre ureigene Form und jedes Sandkorn auch. Die Natur ist einmalig - das perfekte Gegenprogramm zur Welt der Informationstechnologie mit ihren Alias-, Kopier- und Duplizierfunktionen. Da glitzert etwas wie ein Bergkristall, ausgerechnet hier, am nördlichsten Punkt Deutschlands! Bei genauem Hinschauen entpuppt sich der weißgrau gezackte Halbedelstein als Talmi: ein Riesenklumpen Wachs.

Der Hamburger Autor Fritz J. Raddatz hat einmal geschrieben, jeder Mensch habe eine Landschaft, zu der er "Du" sagt. Raddatz und ich haben wohl sonst nicht viel gemein - außer, dass unser beider "Du" der Nordseeinsel Sylt gilt. Bei ihm ganzjährig, bei mir wenige Dezembertage "zwischen den Jahren".

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  • BRIGITTE WOMAN 02/13
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