Das Wintermärchen beginnt
Der Abhang ist steil, ich schaue
nach unten und rühre mich nicht
von der Stelle. "Allez", sagt Bruno,
unser Langlauf-Lehrer. Er ist
groß, hat graue Haare und die typische
Skilehrer-Bräune. "Wenn
du nach hinten fällst, kannst du
dir am Po und an den Handgelenken
sehr weh tun – ein negativer
Sturz. Bei einem positiven Sturz
fällst du nach vorn."
Ich möchte
aber nicht fallen, weder positiv
noch negativ. Bruno lacht. Dann
hakt er mich unter, wir fahren
Seite an Seite. Ehrenrührig? Klar.
Aber immerhin sicher. Als wir
unten sind, drehe ich mich um.
Zwei Dickköpfe im Schnee
Susanne liegt im Schnee, die Beine
komisch abgespreizt. Definitiv
kein positiver Sturz. Ich muss
mir das Lachen verbeißen, sorry,
Sanni, aber du siehst aus wie ein
umgedrehter Käfer.
Vor 25 Jahren haben wir uns
kennen gelernt, beim Studium
in Hamburg. Wir mögen beide
Frankreich, Literatur, lange Spaziergänge,
Bob Dylan, Rotwein
und Crème brûlée. Und wir sind
beide ziemliche Dickköpfe.
Freundinnen-Ritual in Savoyen
Erstaunlicherweise
hat uns das nie entzweit. Ich kenne meine
Schwäche und damit die meiner
Freundin. Wenn ich ihr verzeihe,
verzeihe ich ein bisschen auch
mir selbst. Da wir in verschiedenen
Städten leben, sie in Berlin,
ich in Hamburg, halten wir an
dem Ritual fest, einmal im Jahr
gemeinsam loszuziehen: Moskau,
Petersburg, Rügen, Bali, Boltenhagen.