Schwarzweiße Gefühle: das Istanbul des berühmten Fotografen Ara Güler mit Galatabrücke und Neuer Moschee.
Begleitet vom Kreischen der Möwen betrat der Schuhputzer am frühen Morgen die Istiklal Caddesi, diese lange, nicht enden wollende, wuselige Bummel- und Einkaufsstraße. Mürrisch ließ er sich auf seinem Kissen nieder, als läge wieder einmal nur ein Tag vor ihm, an dem die Touristen in Sandalen und Turnschuhen an ihm vorbeilaufen - nichts also, was sich putzen ließe. Der Schuhputzer sollte recht behalten. Wir standen direkt neben ihm, als unser Reiseführer, der Orientalist Sedat Varolgil, uns in seiner Stadt willkommen hieß. "Wir wollen einen guten kleinen Lebensweg miteinander gehen", sagte er und begann diesen Weg mit einem der schönsten Gedichte von Orhan Veli Kanik:
Ich höre Istanbul, meine Augen geschlossen. Zuerst weht ein leichter Wind, leicht bewegen sich die Blätter in den Bäumen. In der Ferne, weit in der Ferne, pausenlos die Glocke der Wasserverkäufer.
Niemand hört heute noch die Glocke der Wasserverkäufer, die gibt es nicht mehr, dennoch ließen wir uns, ohne darüber nachzudenken, vom Dichter inspirieren. Wir konzentrierten uns auf die Geräusche der Stadt. Wir hörten Istanbul. Das Klingeln der alten Straßenbahn, den heiseren Ruf des Sesambrezelverkäufers, das tiefe Tuten der Schiffe auf dem Bosporus. Wir hörten die Flugzeuge, die Autos, das Rauschen einer 14-Millionen- Stadt mit ihren Baggern und Presslufthämmern, wir hörten fünfmal am Tag die Rufe der Muezzins von der kleinsten bis zur größten Moschee.
Erstaunt stellen wir fest, dass es der ersten Strophe eines kleinen Gedichtes gelungen war, uns ein Gefühl für den Klang der Stadt zu schenken. Orhan Veli Kanik schrieb Gedichte, die sich einprägen wie Lieder. Der traurige, spöttische, immer verliebte Nachtschwärmer wurde nur 36 Jahre alt. Es gibt nur 200 Gedichte von ihm, die allerdings kennt jedes Schulkind in der Türkei. Der Dichter kam 1950 bei einem Unfall ums Leben.
Geräusche einer Metropole: das Klingeln der Straßenbahn, das Hupen der Taxifahrer an der Einkaufsstraße Istiklal Caddesi.
Auch während einer literarischen Reise muss man auf nichts verzichten, was ein Tourist sehen und machen sollte, wenn er Istanbul besucht. Wir schaukelten mit der Fähre von der europäischen Seite des Landes über den Bosporus auf die asiatische, schlenderten über den Gewürzmarkt und durch den Großen Basar, zusätzlich eroberten wir uns die Stadt mit den friedlichen Mitteln der Literatur. Begleitet von zwei Männern, die aus ihren Taschen Texte und Gedichte zogen wie Zauberer. Sedat Varolgil und Lothar Ruske waren nicht nur unsere Führer und Begleiter, sie verwandelten sich, wo immer sie ein passendes Plätzchen wussten, in Vorleser. Wir hörten Suren aus dem Koran in der Blauen Moschee. Wir standen auf dem Galataturm, waren beeindruckt von Istanbuls Silhouette und hätten es nicht für möglich gehalten, dass man sich über Moscheen so despektierlich äußern kann wie der russische Nobelpreisträger Joseph Brodsky.










