Tessin. "Peter Camenzind" erscheint 1904 und erzählt die Geschichte eines jungen Mannes, der auf Reisen geht und Schriftsteller wird. Er will frei, heftig und schön leben, er will sich nicht verbiegen lassen. Ich lese und kriege gar nicht mit, was sich draußen tut. Wind hat den Nebel weggeblasen, Palmen am Ufer biegen sich, die Sonne blinzelt, gleich gehe ich raus, bloß noch diesen Abschnitt lesen.
"Berge, See, Sturm und Sonne waren meine Freunde, erzählten mir und erzogen mich und waren mir lange Zeit lieber und bekannter als irgend Menschen und Menschenschicksale. Meine Lieblinge aber, die ich dem glänzenden See und den traurigen Föhren und sonnigen Felsen vorzog, waren die Wolken."
Das stille, einsame Tessin: hier in den Bergen bei Biasca
"Zeigt mir das Ding in der Welt, das schöner ist als Wolken. Sie sind zart, weich und friedlich wie die Seelen von Neugeborenen...sie schweben silbern in dünner Schicht...sie schleichen finster und langsam wie Mörder...sie sind das ewige Sinnbild alles Wanderns, alles Suchens, Verlangens und Heimbegehrens."
Ich bin den Wolken hinterhergefahren, kurvige Straßen hoch, an Bergdörfern vorbei. Es ist eine einsame Gegend. Einmal halte ich an und schaue in ein verlassenes Haus mit offen stehender Holztür. Drinnen hat jemand ein Feuer gemacht. Sofort denke ich an Camenzind auf einer seiner Wanderungen. In Astano in der Region Malcantone gibt es einen grünblauen Bergsee. Man kann hier campen und fischen. Und neben einem Kiosk auf quietschgelben Plastikstühlen sitzen. Und Camenzind mittendrin? "So oft hatte ich das Gefühl einer schauerlichen Einsamkeit zwischen mir und den Menschen. Da lief ich hinaus in die Wälder, auf Hügel, auf Landstraßen. . . hinter Träumen her, von denen noch keiner sich erfüllt hat", höre ich ihn sagen. Sofort teile ich seine Wehmut, über Natur und Einsamkeit kann dieser Camenzind so schön und ohne Pathos erzählen, dass es mich packt. Ich fahre zurück, über Hügel und Landstraßen, die Wolken schütten wieder Wasser aus, Kirchtürme und Wälder glänzen.







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