Serie Winterurlaub: Ab in den Schnee!

Winterurlaub

Glacier Express: So schön kann Winter sein

Berge muss man nicht erwandern, Berge kann man auch anders erleben: gemütlich im Glacier Express sitzen, richtig gut essen und dabei trotzdem eindrucksvolle Viertausender inklusive Gipfel sehen - von St. Moritz nach Zermatt.

  •  
  •  

Vielleicht ist so die Hölle. Oder der Himmel. Egal wohin ich schaue, es ist alles weiß. Die Welt ist in gleißend helles Licht getaucht und hat ihre Konturen verloren, die Grenze zwischen Erde und Horizont ausgelöscht. In meinem Brustkorb wird es ein bisschen enger, gleichzeitig bin ich total fasziniert und kann meinen Blick nicht von dem weißen Nichts lösen - ich bin mittendrin in diesem Nichts. Und dann kommt die Kellnerin und serviert eine Runde Schnaps, den sie in hohem Bogen von der Flasche in kleine Gläser auf einem Tablett laufen lässt.

Ich sitze im Glacier Express, dem "langsamsten Schnellzug der Welt", der die beiden Schweizer Wintersportorte St. Moritz im Kanton Graubünden und Zermatt im Wallis miteinander verbindet. Seit 1930 fährt der Zug die knapp 300 Kilometer lange Strecke und braucht dafür siebeneinhalb Stunden. Siebeneinhalb Stunden, in denen er sich bis auf über 2000 Meter hochquält, durch dunkle Schluchten zuckelt, an reißenden Gebirgsbächen vorbeifährt, Kuhwiesen passiert, über 291 wolkenkratzerhohe Viadukte und durch 91 Tunnel gondelt und unbefleckte Schneeflächen zerschneidet. Siebeneinhalb Stunden, in denen seine Fahrgäste das volle Alpenprogramm bekommen, ohne zu wandern, ohne sich anzustrengen, und aus ihren Sitzen trotzdem das unglaubliche Panorama der Viertausender genießen können, die hier in verschwenderischer Anzahl in die Landschaft geworfen wurden.

Der Glacier Express ist genau das Richtige für mich

Schon als ich zum ersten Mal von dieser Alpenfahrt hörte, dachte ich: "Genau das Richtige für mich." Theoretisch liebe ich die Berge, vorausgesetzt, sie fordern mich nicht allzu sehr. Während ich mein Schnapsglas leere, erkenne ich draußen ein Holzkreuz und einen Zaun. Endlich durchbricht etwas die grellweiße Fläche. Vor fünf Minuten sind wir aus einem Tunnel gekommen und haben den höchsten Punkt unserer Reise erreicht: den Oberalppass auf 2033 Metern. Jetzt, Anfang März, ist hier oben nichts als Schnee, noch nie zuvor habe ich irgendwo solche Mengen davon gesehen. Er schluckt Wiesen, Felsen und den Oberalpsee und macht aus der Landschaft eine futuristische Szenerie, durch die unser Zug kriecht. Die Oberkante der Schneedecke befindet sich genau auf meiner Augenhöhe. Sie sieht irgendwie so aus wie die Cremefüllung einer Kindermilchschnitte.

Sie interessieren sich für unsere Themen?
Kostenlosen Newsletter bestellen

Seite:

  1. 1
  2. 2
  3. 3
  4. 4
  5. 5
  • Text: Nina Grygoriew
    Fotos: Melanie Dreysse
BRIGITTE WOMAN
im Abo