Nicht mehr denken, nur laufen

Pilgern in Deutschland: Der Weg in die Stille

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3. Tag: Von Karden bis Bullay

Glücklich erschöpft: Ruhepause im Park vor der Kirche Maria Heimsuchung in Klausen

Glücklich erschöpft: Ruhepause im Park vor der Kirche Maria Heimsuchung in Klausen

Nutzt man die Zeit vielleicht besser, indem man sie mal nicht benutzt?

Meine Stunden haben nur einen Zweck: laufen. Dazu muss ich meine Beine an diesem Morgen allerdings erst mal wachrütteln, und meine Sohlen brauchen dringend Hirschtalgeinreibung gegen Blasen. Die ersten zwei Kilometer über die Moselbrücke nach Treis und über einen entzückenden Pfad an der Mühle vorbei fühlen sich mühsam an, aber dann groove ich mich ein. Zehn Kilometer bis Engelport, verheißt ein Wegweiser, vor einer Woche hätte mich allein die zweistellige Zahl völlig aus dem Tritt gebracht. Beim Aufstieg über den holprigen Weg komme ich ganz schön ins Schwitzen. "Selbstfindung und so?", hatten meine Freunde gefragt, als ich ihnen von meinem Pilgervorhaben erzählte. Blödsinn, hatte ich gelacht, nur weil ich durch die Gegend latsche, werde ich doch kein anderer Mensch, und nachdenken kann ich auch, ohne zu wandern.

Jetzt bin ich mir nicht mehr ganz so sicher. Es denkt sich anders. Fremde Gedanken klopfen an. Die, die es sonst nicht ins Bewusstsein schaffen, weil keine Zeit ist oder zu viel Drumherum. Vier, fünf Stunden lang mit sich allein - und nichts und niemand hindert eine Überlegung daran, sich im Hirn kreuz und quer zu legen. Störungsfreie Zonen, ständig. Wer sich nach außen verschließt, öffnet sich nach innen. Ein guter Moment, den Weg mit dem Leben zu vergleichen: das Glücksgefühl nach einer Anstrengung; die Bedeutung der Langsamkeit. Und warum Zeit viel genutzter ist, wenn man sie eben nicht benutzt. "Unsere größten Erlebnisse sind nicht unsere lautesten, sondern unsere stillsten Stunden." Stand auf einer der Holzstelen, die den Weg zum Kloster Engelport im Flaumbachtal säumen. Abends denke ich darüber nach, nach 26 Kilometern Pilgerpensum, im Daunenbett einer Pension in Bullay. Und über etwas, was der Schriftsteller Paulo Coelho gesagt hat: "Es tut gut, etwas Langsames zu tun, bevor man eine wichtige Entscheidung trifft."

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  • BRIGITTE woman 07/12
    Fotos: Sabine Bungert
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