Zufall
Wartet das Schicksal überall?
Solange wir jung sind, messen wir dem Zufall keine besondere Bedeutung bei. Doch je älter wir werden, desto häufiger haben wir das Gefühl, dass im scheinbar Beliebigen eine Botschaft steckt.
Solange wir jung sind, messen wir dem Zufall keine besondere Bedeutung bei. Doch je älter wir werden, desto häufiger haben wir das Gefühl, dass im scheinbar Beliebigen eine Botschaft steckt.
Natürlich hätte der Drei-Tage-Trip nach Berlin wie geplant verlaufen können, und Charlotte Meyn* hätte das übliche Touristen-Programm absolviert: Museumsinsel, Shoppen, Kneipen, Theater. Aber dann funkte der Zufall dazwischen, und am Ende sollte sie ein lange verdrängtes Familiengeheimnis gelöst haben - und alles wegen eines Straßenschilds.
Es sind sonnige Spätsommertage, und Charlotte freut sich auf Berlin. Sie fährt zu Reinhard, ihrem Freund; er ist Schauspieler und gastiert hier gerade. Da er abends Vorstellung hat, bleiben ihnen die Tage für Unternehmungen, und so lassen sie sich treiben, durch Alleen und Cafés, plaudernd, lachend. Am dritten Nachmittag passieren sie das Straßenschild. Kaiserstraße. Bei Charlotte macht es klick. Kaiserstraße 17 a, an diese Adresse schrieb sie früher Karten, das weiß sie in diesem Moment sicher. Nur, wer lebte da, Großeltern, Großtante?
Als habe man ihr eine Augenbinde abgenommen, sprudeln plötzlich die Erinnerungen. Das schlohweiße Haar des Großvaters, das grüne Seidenkleid der Großmutter, und wie aus weiter Ferne hört sie auch Vater und Großvater wieder streiten. Laut, unversöhnlich, zornig - bis zum großen Knall. Ende der Familienbeziehungen.
Sie erschrickt. Wie alt war sie damals? Zehn, zwölf? Und kann es sein, dass sie das Familiendrama jahrzehntelang komplett vergessen hat, diesen zerstörerischen Streit um die Firma des Großvaters, die der einzige Sohn - Charlottes Vater - damals nicht übernehmen wollte? 17 a. Sie muss zu dem Haus. Auf dem Schild der vertraute Name. Sie klingelt, eine etwa 60-jährige Frau erscheint. Charlotte kann nichts sagen, erst als die Frau die Tür schließen will, stottert sie: "Ich... bin Charlotte." Dann geht alles ganz schnell. Die Frau stellt sich als Anna vor, eine Cousine von Charlottes inzwischen gestorbenem Vater. Aber die größte Überraschung: Annas Mutter, Charlottes Großtante - sie lebt noch. 92 Jahre ist sie alt. Charlotte kann es kaum glauben: Sie sitzt bei der Schwester ihrer Großmutter und hält deren Hand! Und je länger sie hinschaut, desto mehr erkennt sie in den Gesichtszügen der alten Dame die Ähnlichkeit zu ihrer Oma. Déjà-vu.
Wer vom Zufall spricht, kommt ins Erzählen. Geschichten wie diese, die uns verblüffen, erstaunen, zum Weinen oder Lachen bringen. Und uns vermitteln, dass im Zufall manchmal ein verborgener Sinn steckt. Nicht blind, wie er häufig genannt wird - nein, klug und hellsichtig hatte der Zufall hier agiert. Eine Frau findet ihre familiären Wurzeln und kann sich mit einem völlig verdrängten Kindheitstrauma aussöhnen. Zufall?
* Name von der Redaktion geändert