Sentimentalität

Ist das peinlich?

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Junge Frauen mögen es schluchzend bedauern, dass es nicht mit Märchenprinzen, Traumkarrieren oder dem ultimativen Lottogewinn geklappt hat. Aber im Laufe der Zeit gesteht man sich ein, dass es Dinge gibt, die einem verwehrt waren. Man hatte nicht die Kindheit, die man sich gewünscht hätte. Man war nicht der mutige oder kreative Mensch, der man immer sein wollte. Man kennt seine eigenen Grenzen und weiß, dass sie nicht mehr veränderbar sind. Der attraktivste Mann und die wunderbarste Frau der Welt könnten kommen, aber man wäre nicht mehr fähig, ohne Vorbehalte und voller Vertrauen ein neues Leben zu beginnen.

Kein Mensch wird ohne Beschädigungen älter. Wenn das kein Grund zum Heulen ist. Also weint man ein bisschen. Über alles und nichts. Und danach geht das Leben weiter, was soll es auch sonst tun? Bis zum nächsten Anfall von Wehmut. Das Schöne an der Sentimentalität ist, dass sie Traurigkeiten behutsam "abbaut". Das noch Schönere ist, dass sie einem das befriedigende Gefühl gibt, sehr sensibel zu sein. Das Dumme an der Sentimentalität ist: Die vermeintliche Empfindsamkeit ist eine kleine Täuschung.

Es gibt Menschen, die heulen im Konzert oder vor dem Fernseher Großpackungen von Taschentüchern voll, aber wenn ein Nachbar in Not ist, schauen sie weg. Mitgefühl äußert sich in Handlungen, in praktischer Hilfe zum Beispiel. Rührseligkeit auf dem Sofa dagegen ist nur für die eigene Stimmungslage gut. "Sentimentalität ist das Alibi der Hartherzigen", hat Arthur Schnitzler gesagt.

So möchte niemand sein. Und ist es dennoch manchmal. So viele Gefühle hat jeder von uns schon in 40, 50 Jahren erlebt! Die Gefühle sind mit durch unser Leben gelaufen und haben stellenweise Hornhaut angesetzt. Und dann passiert es doch wieder: Man ist gerührt. Und auf einmal kann man schwärmen wie früher und träumen und sogar ein bisschen weinen.

Die Sentimentalität? Sie ist wie Geschenkpapier mit kitschigen Blumen. Vielleicht ein bisschen peinlich und ein bisschen übertrieben. Aber wenn man die Verpackung mal beiseitelegt, dann ist das eigentliche Geschenk darunter die Gewissheit: Ich fühle, also bin ich.

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  • Artikel vom 27.07.2008
  • Text: Regina Kramer
    Foto: Getty Images
Letzte Kommentare
  • Henry Wallace
    am 07.09.11 um 17:38
    Das, was man landläufig als "harten Hund" bezeichnet, traf genau auf mich zu.Ich war Rekruten und Unteroffiziersausbilder, kannte kein Pardon, war gegen mich und andere gleichermaßen hart und unnachgiebig, Gefühlsregungungen waren eine Schande und wer weinte, war der Schwächling. Ein Mann hatte ein Mann zu sein, ohne wenn und aber, und meine Befehlsstimme ließ keinen Widerspruch zu.
    Das ist lange vorbei.Jetzt. 67 Jahre alt, höre ich wunderschöne Musik, sehe herrliche Landschaftsbilder aus ferner Ländern,sehe Filme von Glück und Gerechtigkeit, und sehe auch Ungerechtigkeit, Terror, Krieg, Elend, und menschliches Leid,......und was macht der "harte Hund"?Er weint zum Steineerweichen, unkontrolliert, nicht Herr der Gefühle laufen die Tränen, und ICH WILL DOCH NICHT WEINEN, aber ich bin machtlos gegen meine Gefühle,komme mir so kindisch vor, ich kämpfe gegen die Tränen, aber es geht nicht. Hoffentlich sieht mich keiner, ich schäme mich,-ich bin doch immer der Macher gewesen
 
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