Sentimentalität

Ist das peinlich?

Ist Rührseeligkeit ein Ausdruck echter Gefühle oder peinlicher Kitsch? Unsere Autorin Regina Kramer über Sentimentalität, die mit dem Alter zuzunehmen scheint.

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Am Himmel hing ein silberner Vollmond, im Garten feierten 49 Freunde, es war ein milder Sommerabend, ihr 50. Geburtstag. Dann legte jemand eine CD von den Beatles auf, und plötzlich wollte Dörte nur noch allein sein. Unbemerkt von den anderen lief sie ins Haus. Sie erinnerte sich an ihre Studentenzeit, an Reisen, an Liebhaber und an ihre Hochzeit, ganz in Rot. Sie hatte ein schönes Leben geführt, sie würde weiter ein schönes Leben haben, warum war ihr plötzlich so seltsam zumute? "Ich fühlte mich ganz weich und verletzlich, mein Herz war so schwer, ich hatte verrückte Lust auf Schokolade, aber noch lieber wollte ich weinen. Ich war immer schon ein bisschen rührselig, aber seit einiger Zeit scheint es mehr Gelegenheiten dafür zu geben. An diesem Abend jedenfalls warf ich mich auf die Couch und heulte, das tat so gut. Als würde ich mich selbst in den Arm nehmen. Ich wollte in dem Moment gar nicht so genau wissen, was los war, ich wollte mich diesem Gefühl einfach nur hingeben."

Die einen nennen es Gefühlsduselei, die anderen Sentimentalität. Manche sind sentimental, wenn sie noch jung sind. Bei anderen nimmt die Gefühlsseligkeit erst mit den Jahren zu. Wer begabt für Sentimentalität ist, muss über eine gewisse Neigung zu Traurigkeit verfügen. Männer geben es seltener zu, Frauen finden es oft ganz wunderbar. Und dennoch: Das Gefühl hat bei uns keinen guten Ruf, es erinnert zu sehr an Heimatfilm und vergilbte Liebesbriefe in rosa Bändchen. In Mittelmeerländern hat man weniger Hemmungen, sich sentimental rühren zu lassen. Auch die russische Seele ging schon immer ans Herz und jetzt noch die Filme aus Bollywood.

Es gibt immer eine Gelegenheit, um gefühlvoll zu werden. Wenn am Abend eine Sonne im Meer versinkt. Wenn im Radio ein Lied gespielt wird, das so alt, so wunderbar oder so tragisch ist wie die erste oder letzte Liebe. Wenn man ein Baby anschaut, das friedlich schläft, als sei die Welt ein harmloser Ort. Dann ist plötzlich alles zum Weinen schön. Sentimentalität - ein echtes Gefühl oder Kitsch? Platt, dumm, peinlich oder wichtig?

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  • Text: Regina Kramer
    Foto: Getty Images
Letzte Kommentare
  • Henry Wallace
    am 07.09.11 um 17:38
    Das, was man landläufig als "harten Hund" bezeichnet, traf genau auf mich zu.Ich war Rekruten und Unteroffiziersausbilder, kannte kein Pardon, war gegen mich und andere gleichermaßen hart und unnachgiebig, Gefühlsregungungen waren eine Schande und wer weinte, war der Schwächling. Ein Mann hatte ein Mann zu sein, ohne wenn und aber, und meine Befehlsstimme ließ keinen Widerspruch zu.
    Das ist lange vorbei.Jetzt. 67 Jahre alt, höre ich wunderschöne Musik, sehe herrliche Landschaftsbilder aus ferner Ländern,sehe Filme von Glück und Gerechtigkeit, und sehe auch Ungerechtigkeit, Terror, Krieg, Elend, und menschliches Leid,......und was macht der "harte Hund"?Er weint zum Steineerweichen, unkontrolliert, nicht Herr der Gefühle laufen die Tränen, und ICH WILL DOCH NICHT WEINEN, aber ich bin machtlos gegen meine Gefühle,komme mir so kindisch vor, ich kämpfe gegen die Tränen, aber es geht nicht. Hoffentlich sieht mich keiner, ich schäme mich,-ich bin doch immer der Macher gewesen
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