Lebenseinstellung

Selbstwahrnehmung: Jetzt entspannt euch mal!

Mit der Selbstwahrnehmung ist das so eine Sache: Wir sind emanzipiert, unabhängig, erfolgreich und zerfleischen uns wegen ein paar Falten oder ein paar Pölsterchen. Kurz, wir haben ein Gefängnis gegen ein anderes eingetauscht.

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Wie es dazu gekommen war, weiß ich nicht mehr - eben hatten wir noch gemütlich Wein getrunken und über Bücher diskutiert. Doch dann standen wir plötzlich nebeneinander vor dem Spiegel, hoben unsere T-Shirts hoch und verglichen unsere Bäuche. "Ich hasse meinen! Schau mal, wie er vorsteht!" - "Aber dafür ist er schön fest. Meiner ist so ausgeleiert und wabbelig!" "Na ja, du hast schließlich auch drei Kinder zur Welt gebracht!" Und so weiter. Wir griffen mit beiden Händen in unser Fleisch und kneteten es voller Selbstekel, bis die Erste zu sich kam und rief: "Jetzt hört aber mal auf! Das darf doch nicht wahr sein. Wir haben wirklich wichtigere Themen - in unserem Alter!" Das brachte uns zur Besinnung, und wir setzten uns wieder hin. Griffen nach unseren Gläsern und Büchern, irgendwie beschämt über diesen Rückfall in den doch eher pubertären Zwang zur detaillierten Körperkritik. Sollten wir nicht langsam darüberstehen? Wir waren schließlich erfolgreiche, interessante Frauen von immerhin Anfang 30! 15, 20 Jahre später treffen wir uns immer noch regelmäßig. Es versteht sich von selbst, dass wir Fotos von damals mit nostalgischen Ausrufen ("Mensch, war ich mal schlank!") betrachten. Wir sind gestandene Frauen. Wir haben immer noch wichtigere Themen und lassen uns doch immer noch ab und zu in diese Abgründe sinken. Neulich hat eine von uns einen Preis gewonnen, und die Freude über diese Ehre wurde nicht nur für sie, sondern auch für uns von der Frage "Was ziehen wir an, und wie sehen wir darin aus?" beinah überschattet. Wie peinlich ist das? Dass wir immer noch nicht "drüberstehen", beschämt uns nicht nur, es beängstigt uns auch. Werden wir mit 70 noch immer den Anspruch haben, in unsere Uralt-Jeans zu passen? Und: Was ist das überhaupt für ein Anspruch? Gibt es nicht wichtigere... Genau.

Wir können heute mehr als ein Leben leben.

In den letzten 30 Jahren haben wir so viel erreicht. Wir haben uns befreit. Wir können heute mehr als ein Leben leben. Wir können Kinder haben oder Karriere machen oder beides, sogar beides gleicheitig. Wir können Geld verdienen, Macht ausüben, allein tanzen gehen. Die Welt steht uns offen, mindestens theoretisch. Gleichzeitig - und das kann doch kein Zufall sein - hat der Schönheits- und Schlankheitswahn so radikal zugenommen, dass er auch vor dem mittleren Alter nicht Halt macht. Im letzten USWahlkampf fielen Hillary Clintons Zahlen ins Bodenlose, nachdem unschmeichelhafte Bilder von ihr veröffentlicht worden waren und ein Radiomoderator die Frage gestellt hatte, ob Amerika wirklich bereit sei, einer Frau beim Altern zuzusehen. Offenbar besteht die vordringlichste Pflicht eines amerikanischen Präsidenten darin, gut auszusehen. Was einer ungelifteten Frau von 60 Jahren, im harten Winterlicht und von unten herauf fotografiert, schlicht nicht möglich ist.

Was sollen wir nun daraus für einen Schluss ziehen? Du musst nicht nur besser sein als ein Mann, du musst auch besser aussehen? Du darfst alles, nur nicht alt oder dick werden? Die Besessenheit, der Selbsthass, mit dem sich immer noch viel zu viele Frauen quälen, hält sie tatsächlich von Wichtigerem ab. Das ist ein altes feministisches Argument: Naomi Wolf hat ja schon vor 17 Jahren in ihrem Buch "Der Mythos Schönheit" die These aufgestellt, dass der Schönheits- und Schlankheitswahn in erster Linie dazu dient, weibliches Potenzial in Schach zu halten.

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  • Text: Milena Moser
    Fotos: Getty Images
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