Sehnsucht kennt kein Alter
"Was wünschst du dir?", fragten wir unseren Freund Willi, als er achtzig
wurde. Er überlegte lange und rückte dann damit heraus, dass
es schon lange seine Sehnsucht sei, den Panamakanal zu sehen. Einmal
im Leben mit dem Schiff auf dem Panamakanal zu schwimmen, rechts
und links Urwald, und die Papageien schreien zu hören. Aber das
sei natürlich Blödsinn, das sei viel zu teuer. Zuerst staunten wir,
dann beschlossen wir, ihm diesen Wunsch zu erfüllen. Wenn sämtliche
Kinder, Verwandten und Freunde zusammenlegten, auf eine Feier
im Restaurant und mühsam ausgedachte Geschenke verzichteten,
müsste ein Gutschein mit Flug, Hotel und einer kleinen Schiffsreise
doch drin sein. Für zwei natürlich, weil seine Tochter Mitzi ihn ja
begleiten musste, denn Willi saß im Rollstuhl.
Ausgerechnet der Panamakanal. Er hatte mal einen Fernsehfilm gesehen
und die Bilder von dort nicht vergessen. Willi strahlte beim Abflug
und bei der Rückkehr. Ein glücklicher Mann, dessen Sehnsucht sich
endlich erfüllt hatte. Vierzehn Wochen später ist er gestorben.
Sehnsucht muss sich auf Unerreichbares richten, sagt meine Nichte Caroline
Was erfüllbar ist, zählt nicht. Eine richtige große
Sehnsucht ist irreal, man sucht etwas, was man nicht
bekommen kann. Deshalb heißt es ja auch Sehn-Sucht. Man kann sich kaputt sehnen. Caroline zum
Beispiel sehnt sich nach echter Sicherheit und Geborgenheit,
die es nirgendwo gibt, für keinen Menschen.
Manchmal, sagt sie, wacht sie nachts auf und fühlt
sich ausgesetzt an einem unbekannten Ort, wo nichts
als Gefahr sie erwartet. Und sie ist total hilflos. Nach
einem solchen Albtraum sind die nächsten Tage für
sie gelaufen. "Das ist Angst", sage ich. "Nein, Sehnsucht",
sagt Caroline. "Die Sehnsucht, dass ich keine
Angst haben muss. Du kannst es auch Sehnsucht
nach Erlösung nennen." Sie ist so jung. Sie hat noch
keine Zeit gehabt, sich eine raue Haut wachsen zu
lassen, um die Angst zu bewältigen. Gehören diese
Angst und diese Sehnsucht zum Jungsein? Vergleichbar
mit dem Zustand, in dem kleine Schildkröten
verzweifelt über den Sand ins Wasser strampeln, weil
die Gefahr, gefressen zu werden, riesengroß ist?
Todesangst und Sehnsucht, beides habe ich erlebt
Als ich ein junges, fast noch kleines Mädchen
war, saß ich im Bombenkeller, in
unserem mit lächerlichen Balken zum
Luftschutzkeller umgerüsteten Kartoffelkeller,
der bei jedem Einschlag bebte.
Um mich herum die Eltern, mein Bruder,
die winzige Schwester, die noch im Babykörbchen
lag – alle, die ich liebte. Ich
erinnere mich gut, wonach ich mich in
diesen Nächten sehnte: ganz allein auf
der Welt zu sein, ohne Angst haben zu
müssen um meine Familie. Nur ich allein,
das hätte ich eher ausgehalten.
Ich betete: "Maria, breit den Mantel aus,
mach einen Schutz und Schirm daraus
. . . " Immer wieder, immer wieder.
Die Bomben haben uns nicht erwischt.
Aber die Anfälle von wilder Sehnsucht,
allein und ohne jede Verantwortung im
Leben zu stehen, die kenne ich noch. In
jener schrecklichen Nacht, 1962, als russische
Raketenschiffe auf Kuba zufuhren
und der amerikanische Präsident
Kennedy sagte, das könne einen Atomkrieg
bedeuten, "in dem sogar die Früchte
eines Sieges Asche auf unseren Lippen
wären". Im Kinderzimmer schliefen
meine beiden kleinen Söhne. Im Morgengrauen
drehten die Schiffe ab.