Selbstreflexion

Schlechtes Gewissen: Die Schuld ist immer dabei

Unser schlechtes Gewissen ist wie New York. Es schläft nie und hält uns in Dauerschuld gegenüber unserem Partner, unseren Kindern und unserem Chef. Wie schaffen wir es, uns vom schlechten Gewissen nicht tyrannisieren zu lassen?

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"Was ist nur mit dir los? Du hast ja schon wieder Gabys Geburtstag vergessen! Wie unzuverlässig! Bald wird sie nichts mehr von dir wissen wollen!" Diese Stimme kennt jeder. Sie gehört unserem Gewissen. Willkommen im Land der lähmenden Schuldgefühle. Denn unser schlechtes Gewissen ist kein angenehmer Gesprächspartner. Es macht uns nicht freundlich darauf aufmerksam, dass wir den Geburtstag unserer Freundin vergessen haben. Nein, es ist anmaßend und vorwurfsvoll. Unser Zentralorgan für richtiges Verhalten ist wie New York. Es schläft nie.

Wenn wir unseren Nachbarn versehentlich mit dem Rennrad über den Haufen gefahren haben oder den Nachmittag mit unserem Ex im Hotelzimmer verbringen, ist ein schlechtes Gewissen absolut berechtigt. Wir fühlen uns mies, damit wir wiedergutmachen, was wir angerichtet haben.

Das Gewissen hält uns den Spiegel vor.

Aber zum Glück begehen wir große Schandtaten eher selten. Trotzdem hadern wir ständig mit unserem Alltagsgewissen, das uns wie ein strenger Lebenscoach bis in die hintersten Windungen unseres Gehirns hinein überwacht. Und uns in Dauerschuld hält. Gegenüber dem Liebsten, weil wir gerade keine Lust auf Sex haben. Gegenüber den Kindern, weil ohnehin nie genug Zeit für sie bleibt, und gegenüber dem Chef, weil der Entwurf immer noch nicht fertig ist. Und sogar der Umwelt gegenüber fühlen wir uns schuldig, weil unsere alte Kiste völlig ungrüne dreizehn Liter schluckt. Und doch: So quälend und penetrant wir es auch manchmal erleben mögen, im Grunde ist das Gewissen ein großartiger Teil unserer Psyche. Es sorgt vorausschauend dafür, dass unsere Mitmenschen uns auch weiterhin mögen und wertschätzen. Und es beweist, dass wir uns unserer Schwächen wenigstens bewusst sind. Es hält uns den Spiegel vor und hilft uns, Fehler zu erkennen und wieder glatt zu bügeln.

Das schlechte Gewissen lernt dazu

Das Gewissen ist angeboren. Im Laufe unseres Lebens füllt es sich mit den Regeln und Werten unserer Kultur. Solange wir klein sind, ist unser Gewissen ziemlich barbarisch. Es kennt nur Gut oder Böse. Erst allmählich lernen wir, dass wir ein guter Mensch bleiben, auch wenn wir Omas Lieblingsvase zerdeppert haben. Und dass es einen Unterschied macht, ob wir etwas mit Absicht tun oder aus Unwissen.

Ein reifes Gewissen entwickeln wir, wenn wir lernen, moralische Konflikte zu lösen, indem wir die Schwächen unseres eigenen Denkens aufdecken und uns in andere einfühlen können.

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  • Text: Oskar Holzberg
    Foto: Getty Images
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