Stimmungen

Das Recht auf schlechte Laune

Guck doch nicht so böse! An manchen Tagen sind solche Sprüche die Hölle. BRIGITTE WOMAN-Autorin Regina Kramer fordert ein Recht auf schlechte Laune.

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Aus heiterem Himmel kam sie an einem Dienstag bei mir vorbei. Ich achtete nicht besonders auf sie. Am Donnerstag verkleidete sie sich als Laus und lief mir über die Leber. Am Samstag verhagelte sie mir die Petersilie, da konnte ich sie nicht mehr ignorieren. "Wer bist du? Was willst du von mir?", fragte ich. "Ich bin deine schlechte Laune und wohne jetzt bei dir", sagte sie.

"Kein Bedarf", murmelte ich.

"Sag das nicht", antwortete meine schlechte Laune selbstbewusst.

In den nächsten Tagen ging ich Freunden und Kollegen als Miesepeter auf die Nerven. Wer konnte, machte einen Bogen um mich. Wer nicht konnte, versuchte mich aufzuheitern: Denk doch mal positiv! Mach Sport! Lies ein schönes Buch!

Plötzlich klopft die schlechte Laune an

Gutgelaunte sind die Hölle für Schlechtgelaunte. Wer mies drauf ist, hat nicht nur keine Lust, das Leben zu genießen. Er weiß, dass das Leben ungenießbar ist. Jedenfalls jetzt. Weil die Diät nicht hilft.

Weil es zu viel Elend auf der Welt gibt. Weil der Mann und das Kind einem auf die Nerven gehen. Weil man nicht mal mehr sagen kann, dass man schlechte Laune hat, weil man seine Tage hat. Weil man nicht mehr seine Tage hat. Es gibt so unendlich viele Gründe für schlechte Laune, dass ich mich wundere, warum nicht alle Welt dauernd nörgelt.

Nörgeln ist uncool. Gut drauf sein ist angesagt. Wenn man jemanden fragt, wie es ihm geht, reicht nicht mehr die schlichte Antwort "Gut". Wir sagen heute: "Bestens." Oder: "Alles klar!" Wie kann jemals alles klar sein? Wir genießen wie besessen jeden Moment - als wär’s der letzte? Wir sind entschlossen, unser Bestes zu geben - aber was ist das? Und wer das Leben nicht "easy going" hinkriegt, der kann in tausend Ratgebern nachlesen, wie die Übellaunigkeit verschwindet. Warum muss sie eigentlich verschwinden? Und wohin?

"Sehr gute Fragen", sagte meine schlechte Laune, die sich inzwischen häuslich bei mir eingerichtet hatte. Wir schliefen in einem Bett, wir standen morgens gleichzeitig mit dem falschen Fuß auf. Wir meckerten über alles und jeden. Und selbstverständlich gingen wir gemeinsam viele Sachen einkaufen, die ich, weiß Gott, nicht brauchte. Meine schlechte Laune grinste zufrieden vor sich hin.

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  • Text: Regina Kramer
    Foto: iStockphoto
Letzte Kommentare
  • DieDea
    am 31.05.11 um 14:20
    @hsm:
    Sie sprechen mir so aus der Seele! Wenn man sich schlechte Laune eingesteht und auf gewisse Weise auch wertschätzt (jede Gefühlsmodulation sollte einem willkommen sein!), kommt es nämlich auch immer häufiger vor, dass man sich dabei ertappt, wie man ein Liedchen vor sich hinsummt oder sich über Sonnenschein freut. Bei mir funktioniert das aber nur, wenn ich morgens standardmäßig ein bisschen vor mich hinmuffele!
    :-)
  • hsm
    am 09.09.10 um 13:49
    Ich finde schlecht gelaunte Menschen viel interessanter - und vor allem ECHTER - als solche, fuer die gute Laune der Normalzustand ist. Denen traue ich irgendwie nicht ueber den Weg, ich frage mich immer, wie das sein wird, wenn die endlich mal ihr echtes Selbst rauslassen, das so aengstlich versteckt gehalten wird. Kuenstliches erzwungenes Lachen umgibt mich im Buero. Nur immer schoe positiv bleiben. Fuer mich selber ist schlechte Lauene eher der Normalzustand, nicht etwas, was ich "auch mal" habe, und wofuer ich mich irgendwie "entschuldigen" muss. Aber bei mir weiss man immer, woran man ist. Ist doch auch was wert, oder? Ja, ja, die Gutgelaunten sind alle ganz wirklich so, die schauspielen nicht. Schon klar. Die glauben das wirklich, so gut haben sie ihre wahren Beduerfnisse unterdrueckt. Was noch? Ich kann einem leid tun bla bla bla. Mir geht es gut mit schlechter Laune. Was anderes wuerde gar nicht zu mir passen. Froehlich ist nicht mein Metier.
 
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