Rückzugsort

Ein Zimmer für mich allein

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Rot findet sich auch in den Räumen eines Bauernhofes in Niedersachsen, auf dem Ute Vinnen, 45, mit ihrer Familie lebt. Vor 19 Jahren zog sie hierher und renovierte mit ihrem Mann das große Haus. Sie haben vier Söhne und betreiben eine Bio-Landwirtschaft, Schwerpunkt Kartoffeln. "Ich kenne solche Zeiten, in denen ich denke, ich müsste mal raus und für mich allein sein. Ich bin dann schon öfter allein verreist." Diese Kurzreisen haben Ute Vinnen jedes Mal gestärkt zurückkommen lassen – für einige Zeit. "Nachdem ich jahrelang nicht zugelassen hatte, auch nur darüber nachzuden ken, welche Bedürfnisse ich habe, begann ich mit 40 Jahren endlich zu überlegen: Soll das jetzt eigentlich immer so weitergehen – nur Kinder, Mann und Hof?"

Rückzugsort bedeutet: eine Tür hinter sich zuziehen zu können

Vor einem Jahr begann Ute Vinnen, die sich als Hausfrau bezeichnet, Cello zu spielen. "Ich kann nicht sagen, wie ich darauf gekommen bin. Es hat mich einfach gereizt. Und es macht mir Spaß, obwohl es nicht einfach zu erlernen ist." Und es gibt ihr Kraft, den Alltag zu bewältigen. Der älteste Sohn ist zwar inzwischen ausgezogen, kommt aber oft mit seiner Freundin zu Besuch. Die drei anderen Söhne sind zwischen 15 und 18 Jahre alt und müssen von ihrer Mutter ständig zur Schule, zum Sport, zu Freunden, zum Musikunterricht gefahren werden. Im Haushalt und Hof fällt sehr viel Arbeit an, da ist es gut, dass es eine Tür gibt, die Ute Vinnen regelmäßig hinter sich zuziehen kann.

Ute Vinnen, 46 Jahre

Ute Vinnen, 46 Jahre

Manchmal verschwinde ich einfach.

In einem Raum mit Miniküche stellt sie Naturseife aus pflanzlichen Ölen her. "Damit mir die Seife gelingt, muss ich sehr konzentriert sein. Deshalb sage ich manchmal keinem Bescheid, wenn ich hinter der Tür verschwinde, ich verschwinde einfach." Zuweilen liest sie hier in der Bibel und betet, denn auch darin findet Ute Vinnen Zuversicht und Kraft. Ihre Seifensiederei mit gemütlicher Sitzecke und einem wunderbaren Blick in den Garten muss Ute Vinnen immer mal wieder verteidigen, denn zu gern würden gelegentlich die übrigen Familienmitglieder diesen Ort beanspruchen. Doch es ist der einzige Raum, in dem Ute Vinnen tatsächlich "verschwinden" kann, in dem niemand Ansprüche an sie stellt, aus dem sie nach ein oder zwei Stunden gestärkt zurückkehrt – wie nach einer Kurzreise.

Vier Söhne, ein großer Bauernhof, ehrenamtliche Arbeit in einem christlichen Verein, der sich um Kinder kümmert, deren Mütter nach der Entbindung nicht dazu in der Lage sind. Die Kraft dafür schöpft sie nicht zuletzt aus ihrem Glauben – und ihrem Refugium. "Mein Mann ermutigt mich in allem. Er ermöglicht mir meine Freiräume, so, wie ich ihm auch die seinen ermögliche." "Sie war entschlossen, ihr Leben so einzuteilen – gleichgültig, was sie auf sich nehmen musste, dass sie diese Einsamkeit häufiger genießen konnte", schreibt Doris Lessing über ihre Heldin Susan. Susan jedoch hat keine Chance. Vorbei die Stunden des stillen Glücks, als ihr Mann der Gattin hinterherspioniert, in der Annahme, sie träfe sich in "Zimmer neunzehn" mit einem Liebhaber. Es gibt offenbar Männer, die nicht viel verstehen. Was ist schon eine Affäre gegen ein Zimmer für sich allein?


Zum Weiterlesen:
Anke Gebert: „Frauenräume“. Mit Fotos von Ute Karen Seggelke, Gerstenberg, 199 S., 24,95 Euro
Virginia Woolf: „Ein Zimmer für sich allein“. Jetzt unter „Ein eigenes Zimmer“, Fischer, 130 S., 8,95 Euro
Chris Casson Maddon: „Ein Zimmer für SIE allein“. Mit Fotos von Jennifer Lévy, Gerstenberg, 224 S., 26 Euro
Anne Morrow Lindhberg: „Muscheln in meiner Hand“, Piper, 131 S., 7 Euro)
Doris Lessing: „Zimmer neunzehn“ in „Zwischen Männern“, dtv, nur noch antiquarisch erhältlich
Michael Cunningham: „Die Stunden“, btb, 221 S., 9 Euro

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  • Artikel vom 12.03.2009
  • Text: Anne Geber
    Fotos: Sabine von Breuning
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