Lebensziele

Gar nicht brav: Warum brechen viele Frauen aus?

Warum möchten sich viele Frauen verändern, wenn sie die wichtigsten Lebensziele gerade erreicht haben? Und nicht mehr brav sein! BRIGITTE WOMAN-Autorin Milena Moser kennt die Antworten aus eigener Erfahrung.

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Foto: CREDIT: plainpicture/Image Source

"Mal nicht so brav", sagt Verena und rückt ihre dünnrandige Brille zurecht. Das neue Gestell ist rot, unterscheidet sich sonst aber nicht von ihrem alten. Ehrlich gesagt, es wirkt genauso brav. Die ganze Frau wirkt brav. Ordentlich. Unauffällig. Aber ich kenne sie schon zu lange und zu gut, um mich von ihrem Äußeren täuschen zu lassen. Brav ist das Letzte, was mir zu ihr einfällt. Brav. Was heißt das überhaupt? Angepasst? Konventionell? Konservativ? Vorsichtig? Der Duden meint: 1: (von Kindern) sich so verhaltend, wie es die Erwachsenen erwarten oder wünschen; gehorsam, artig; 2a: (verhaltend) von rechtschaffener, biederer Wesensart, 2b: bieder, hausbacken.

Nach dieser Definition bin ich die Bravere von uns beiden, obwohl ich ein scheinbar weniger konventionelles Leben führe als meine Freundin Verena. Doch dieser Schein trügt. Die ganze Verwirrung meiner Generation steckt in dieser Definition: sich so verhalten, wie es die Erwachsenen erwarten oder wünschen. Wir wurden in den späten 50er und frühen 60er Jahren geboren, als Töchter der ersten Fraueng¬neration, die sich aus den Fesseln der klassischen Rollenverteilung befreit, das Korsett des vorgeschriebenen Lebensentwurfes gesprengt, sich im wörtlichen Sinn emanzipiert hat. Je nachdem, wie alt wir damals waren, schauten wir unseren Müttern nachsichtig oder empört dabei zu, wie sie den Staubsauger ausstöpselten und stattdessen zum Malpinsel griffen. Wie sie ein kaltes Abendbrot servierten, statt zu kochen, und anschließend zum Treffen ihrer Selbsthilfegruppe gingen. Und meist auch, wie sie ihre Männer, unsere Väter, verließen.

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  • BRIGITTE WOMAN 10/12
    Text: Milena Moser
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