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Lernen, nein zu sagen

Wir dürfen uns nicht länger für alles zuständig fühlen. Wir müssen lernen, nein zu sagen - findet BRIGITTE Woman Autorin Ursula Ott.

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Es reicht. Müssen Frauen immer alles selbst machen, nur weil es sonst keiner macht?

Manchmal könnte ich meine Freundinnen schütteln und schreien: "Genug! Schluss jetzt!" Zum Beispiel Katrin. Sie hat zwei Kinder, leitet die Aus- und Fortbildung bei einem Kölner Großkonzern und engagiert sich in einer Bürgerinitiative für den Erhalt unseres schönen historischen Hafens. Heute, an ihrem freien Mittwochnachmittag, waren wir zum ersten Mal nach Monaten verabredet. Entspannen in der Sauna, danach einen Salat essen gehen. Eben hat Katrin abgesagt. Sie hat gestern beim Elternabend versprochen, für ein gemeinsames Mittagessen der beiden vierten Klassen einzukaufen. 50 Packungen Nudeln, 40 Tomatendosen, 80 Tetrapaks mit Apfelsaft. "Muss das sein?", frage ich. "Sonst macht es ja doch keiner", sagt sie, kurz und zupackend, und jetzt fährt sie mit ihrem Renault Clio zu Aldi.

Sonst macht es ja doch keiner.

Leider gibt es in Katrins Umgebung sehr vieles, was sonst keiner macht. Einen Blumenstrauß für die Nachbarin kaufen, als Dank fürs Haushüten während der Ferien. Das lange besprochene Abo für die Philharmonie besorgen. Vieles könnte natürlich auch ihr Mann erledigen. Das tut er sogar manchmal. Neulich zum Beispiel hat er den Klempner angerufen, weil es ewig dauert, bis warmes Wasser aus der Dusche kommt. Leider hat er den Handwerker ausgerechnet für den Tag bestellt, an dem Lars, der fünfjährige Sohn der beiden, mit Freunden Geburtstag feiern wollte. "Ach, Mist, rufst du da noch mal an", sagte er zu Katrin, gab ihr einen Kuss, und weg war er. Dann hätte sie es gleich selbst tun können, sagt Katrin.

Lernen, nein zu sagen - und den Staubsauger im Schrank zu lassen

Schütteln könnte ich auch Susanne. Sie hat vor zwei Jahren mit ihrem Mann zusammen ein Beratungsbüro für Finanzen und Versicherungen eröffnet. Beruflich ergänzen die beiden sich gut: Sie führt einfühlsame Gespräche mit Menschen, die zum Beispiel nach Tod oder Scheidung des Partners ihre Altersabsicherung neu regeln müssen. Er übernimmt für die Kunden den Prämienvergleich im Internet. Bloß privat ist die Arbeit ungleich verteilt. Im Prinzip wollen die beiden sich die Hausarbeit teilen. In der Praxis ist Susanne genervt, wenn die Wäsche seit zwei Wochen ungewaschen herumliegt und die Wohnung verdreckt. Zum Streiten hat sie keine Lust mehr. "Sonst macht es ja doch keiner", sagt sie, stopft die Wäsche in die Maschine und holt den Staubsauger raus. Es soll alles schön sauber sein – wenigstens, wenn Besuch kommt.

Und es kommt oft Besuch. "Mensch, wie du das alles schaffst", sagen die Gäste bewundernd, wenn Susanne mal wieder zu einem Drei-Gänge-Menü eingeladen hat. Susanne genießt diese Abende. Ihr Mann genießt sie auch. Aber es würde kaum jemand zum Essen kommen, wenn Susanne nicht wäre. Susanne, die immer mal nachfragt, wie's geht, zum Geburtstag gratuliert, Weihnachtskarten schickt. "Ich bin halt unser Außenminister", lacht sie. Aber manchmal würde sie lieber auf dem Sofa entspannen, statt Kontakte zu pflegen.

Wir müssen lernen, nein zu sagen, um nicht für drei zu arbeiten

Bei mir beklagen sich Katrin und Susanne oft darüber, wie überlastet sie sich fühlen. "Warum sagst du nicht mal Nein? Warum machst du alles, nur weil es sonst keiner macht?", frage ich dann. Eigentlich sind die beiden toughe Frauen. Im Beruf können sie sehr wohl unterscheiden, was ihre Aufgabe ist und was nicht. Im Privaten fällt ihnen das schwer.

Eine gefährliche Falle für Frauen, die nicht Nein sagen können, ist der Haushalt. Denn Frauen haben einen "höheren Sauberkeitsstandard", wie Forscherinnen vom Wiener Ludwig-Boltzmann- Institut für Frauengesundheitsforschung beobachtet haben. Bevor Männer überhaupt zum Putzfeudel greifen können, sind Frauen schon bei der Arbeit. Die "Haupt- und Letztverantwortung für den Haushalt" mögen die meisten nicht abgeben, so die Wissenschaftlerinnen. Und der Bochumer Männerforscher Rainer Volz stellt fest: "Frauen tappen in eine Falle, die sie selbst errichtet haben." Ein hartes Urteil. Aber wenn ich mir Katrin und Susanne so anschaue, muss ich sagen: Der Mann hat Recht.

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  • Artikel vom 22.05.2009
  • Text: Ursula Ott
    Foto: Getty Images
Letzte Kommentare
  • Rikki
    am 06.10.09 um 20:55
    Nein sagen muss gelernt werden. Es fängt schon in der Kindheit hat. Wenn man, so denke ich, nicht von klein auf nein sagt und dieses auch respektiert wird, schleppen wir es mit. Wir lernen, wir sagen nein, doch es hört niemand.
    Klar Eltern hören nie gerne ein nein, trotzdem ist es manchmal wichtig einem Kind das nein zu lassen. Bsp: Ein Kind möchte die roten Socken zur grünen Hose anziehen, die Mutter möchte passende "einreden". Das Kind sagt nein - die Mutter quengelt so lange, bis das Kind nach gibt. Was wäre daran so schlimm gewesen? Nichts, denn das Kind hätte ohnedies nie wieder diese Farben gemeinsam verwendet. Kinder, die nein sagen durften, können auch später leichter nein sagen. Manchmal lernt man es erst, wenn man nicht mehr kann. Doch dann versteht es niemand, denn man war doch immer da. Warum jetzt nicht mehr? Niemand kommt auf die Idee, das man vielleicht nie den Mut hatte einfach mal zu sagen "Nein ich will nicht" und dieses auch akzeptiert wurde.
 
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