Lebensentwürfe
Geburt und Tod: Gespräch mit einer Hebamme und einer Sterbebegleiterin

Wer sich von Berufs wegen mit Geburt und Tod beschäftigt, weiß viel über das Leben: Ein Gespräch mit einer Hebamme und einer Sterbebegleiterin über einen gelungenen Anfang und ein gutes Ende.

Susanne Jung

Susanne Jung

Susanne Jung, 53, ist gelernte Vergoldemeisterin und wurde, nach ehrenamtlicher Sterbebegleitung in einem Hospiz, Bestatterin. Zu ihr kommen vorwiegend Angehörige von Menschen, die eines frühen oder plötzlichen Todes gestorben sind. Sie wünschen sich einen alternativen Umgang mit dem Tod.

Monika Ungruhe

Monika Ungruhe

Monika Ungruhe, 67, hat als Hebamme an die 1500 Kinder mit zur Welt gebracht, im Krankenhaus, zu Hause und im Geburtshaus. Mit zunehmendem Alter begann sie, sich mehr mit dem Ende des Lebens auseinanderzusetzen, und macht jetzt Nachbereitung und Trauerbegleitung für Eltern, die ein Kind verloren haben.

BRIGITTE WOMAN: Eine erfahrene Sterbebegleiterin hat mal gesagt, der Mensch sterbe, wie er geboren wurde.

Monika Ungruhe: Ich glaube, er lebt, wie er geboren wurde.

Susanne Jung: Der Mensch kommt mit einem Charakter auf die Welt: stürmisch oder bedächtig, zäh oder sensibel. Und viele Mütter sagen, dass sich dies schon bei der Geburt gezeigt hat. Können Sie das nicht bestätigen?

BRIGITTE WOMAN: Ich habe zwei Söhne. Der eine kam mit der Faust voran auf die Welt, wie Superman, und der andere war gestresst. Der eine ist ein Stürmer, der andere eher ein Sensibler.

Susanne Jung: Mit diesem Charakter haben die Kinder das Trauma ihrer Geburt erlebt, und ich bin überzeugt, dass es sich einprägt. Später im Leben fordert dann jeder Konflikt eine Lösungsstrategie. Können wir den Konflikt annehmen, oder verdrängen wir ihn? Welchen Umgang haben wir mit dem Leid? Wenn ich im Laufe meines Lebens lerne, Veränderungen zu akzeptieren, kann ich es vielleicht auch im Sterben. Insofern ist unser Leben eine gute Sterbeschule. Aber ganz unabhängig von der individuellen Erfahrung ähneln sich Geburt und Tod vor allem ihrem Wesen nach. Der Atem spielt beide Male eine große Rolle, die Schmerzen und die Einstellung.

Monika Ungruhe: Während der Entbindung geht es darum, wie die Frau atmet, ob sie loslassen kann. Wie sie mit den Gefühlen umgeht. Mit der ersten Wehe kommt meistens die Angst. Kann ich sie zulassen? Kann ich Angst und Schmerzen zulassen, oder versuche ich davor zu fliehen? Dann verspanne ich mich aber - und wenn ich mich verkrampfe, kann ich nicht loslassen. Alles hängt davon ab, wie ich mich auf den Prozess einlasse.

Susanne Jung: Auch das Sterben ist ein Prozess, wenn der Tod nicht ganz plötzlich kommt. Man muss mit der Erkenntnis umgehen, dass man stirbt; und mit den Gefühlen, die der Tod auslöst: Angst, Wut, Traurigkeit. Aber auch mit den Gedanken von Erlösung und Frieden. Die Geburt und der Tod sind wie ein Tor: Hier kommt der Geist - da geht er.

BRIGITTE WOMAN: Welche Ähnlichkeiten sehen Sie noch?

Susanne Jung: Der Ort ist ein wichtiges Thema. Wo wird geboren und gestorben? Die meisten Menschen möchten zu Hause sterben, aber das können nur um die acht Prozent.

Monika Ungruhe: Und das Umfeld ist wichtig: Wie geht die Familie, wie gehen die Freunde mit Geburt und Tod von Angehörigen um? Ich bin in einem Dorf groß geworden, da wurde zu Hause geboren und gestorben - und alle Nachbarn kamen vorbei. Heute haben wir kaum mehr gemeinsame Rituale.

Susanne Jung: Es ist eine einsame Veranstaltung geworden.

Monika Ungruhe: Und wir glauben, wir müssten immer gleich wieder funktionieren.

Eine Kollegin kam am Tag nach dem Tod ihres Vaters zur Arbeit, drei Tage später brach ihr Kreislauf zusammen. Vielleicht wissen wir auch einfach nicht, was jetzt richtig und wichtig ist. Wer einen geliebten Menschen verliert, steht ja auch unter Schock. Psychosomatische Erkrankungen sind bei Angehörigen häufig die Folge. Es sind Signale, dass der Geist überfordert ist. Meine Mutter ist gestorben, als ich 19 war, und man hat uns erst zwei Tage vor ihrem Tod gesagt, dass sie Krebs hat. Es war ein Schock. In den Jahren darauf ist mein Bruder beinah verunglückt, ich habe ein Kind verloren, meinen Partner und meinen Job. Da bin ich abgetrudelt in die Depression. Jetzt setzen Sie sich täglich mit dem Sterben auseinander. Und ich muss sagen: Nie zuvor ging es mir so gut im Leben. Ich habe keine Angst mehr vor dem Tod, und ich habe gelernt, mich an den kleinen Dingen zu freuen. Der Tod ist ein schrecklicher Arbeitgeber, aber ein Meister, der Demut lehrt.

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  • BRIGITTE woman 01/13 Fotos: Amélie Losier
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