Faulsein ist eine Sünde. Das habe ich wie alle anderen um mich herum gründlich verinnerlicht. Darum habe ich ein schlechtes Gewissen, wenn ich nichts tue, ohne mir das Nichtstun durch Anstrengung erarbeitet zu haben. Darum gehört die Behauptung, jemand sei faul, zu den schlimmsten Vorwürfen, die man heutzutage machen kann. Wer etwas wirklich Abfälliges sagen möchte über die Nachbarin, der sagt nicht, sie sei eine hochnäsige Zicke oder eine perfektionistische Übermutter, der sagt: "Keine Ahnung, was die den ganzen Tag so macht, die Kinder sind ja schon groß. Na ja, aufräumen und sauber machen tut sie jedenfalls nicht, so wie es da aussieht.
Wer sich von seinem Ex-Chef schlecht behandelt fühlt und sich dafür rächen will, der macht es wie Herbert Feuerstein, der kürzlich im „Spiegel“-Interview über seinen ehemaligen Arbeitgeber, den TV-Entertainer Harald Schmidt, verbreitete: „Er ist niemand, der von Natur aus fleißig wäre. Ehrlich gesagt ist er sogar verdammt faul.“ Na und?, denkt man, ist doch ganz und gar schnuppe, ob ein Harald Schmidt faul oder fleißig ist – Hauptsache, er ist lustig. Aber selbst an einem Star wie ihm perlt diese Unterstellung nicht gänzlich ab: Hat Millionen abgesahnt und dabei andere für sich schuften und Gags schreiben lassen? Vielleicht hat er es gar nicht verdient, dass man so oft über ihn gelacht hat?
Der Anfang vom Ende
Die Ächtung der Faulheit dagegen ist allgemeine Bürgerpflicht. Wenn ein Politiker auf Stimmenfang unter Arbeitnehmern und Steuerzahlern gehen will, dann prangert er an, Deutschland sei auf dem besten Wege, ein „kollektiver Freizeitpark“ zu werden (Helmut Kohl, CDU), er stellt klar, dass es „kein Recht auf Faulheit“ gebe (Gerhard Schröder, SPD), oder warnt davor, dem Volk „anstrengungslosen Wohlstand“ zu versprechen und es auf diese Weise zu „spätrömischer Dekadenz“ einzuladen (Guido Westerwelle, FDP). Faulheit, so die Botschaft, ist der Anfang vom Ende.
Zehn vor acht. Ich liege – spätrömisch-dekadent – immer noch im Bett, aber ich kann nicht einschlafen. Das schlechte Gewissen hält mich wach. Ich ärgere mich über mich selbst, ohne zu wissen, was mich ärgerlicher macht: dass ich hier faul herumliege, statt in die Puschen zu kommen – oder dass ich unfähig bin, diesen Luxus zu genießen. Ich habe immerhin die letzten 14 Jahre damit verbracht, zwei Kinder und einen Hund großzuziehen, dabei einen Job zu machen, eine Ehe und einen Haushalt zu führen, ein Haus zu bauen, den Garten und Freundschaften zu pflegen, und das alles habe ich einigermaßen anständig hinbekommen, glaube ich. Der Job jedenfalls läuft gut, die Kinder und der Hund sind weder zu dick noch verhaltensauffällig, weder meine Ehe noch der Haushalt wirken verwahrlost, das Haus und der Freundeskreis stehen.







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