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Slow Sex
Flaute im Bett? Slow Sex kann die Lösung sein!

Immer mehr Paare in langjährigen Beziehungen haben immer weniger Sex. Slow Sex ist die Lösung, sagt Sexualtherapeutin Diana Richardson.

Foto: Wessel/Corbis

BRIGITTE WOMAN: Viele Paare leiden darunter, dass sie kaum noch miteinander schlafen. Ihre Lösung für diese Paare heißt Slow Sex. Das klingt nicht wirklich wie ein Weckruf für ein eingeschlafenes Liebesleben.

DIANA RICHARDSON: Slow Sex ist sicher nicht die Art heißer Sex, wie wir ihn aus den Medien kennen. Da haben wir alle nach wie vor die falsche Vorstellung im Kopf. Wir möchten, dass die intensive, wilde Phase des Anfangs für immer anhält. Wir stellen zwar fest, dass der Sex sich verändert, der Verstand jedoch hält an diesem Idealbild fest. Nutzt nur nichts, es ist irgendwann vorbei, du kannst nicht für immer heiß sein. Aber wenn wir mehr Achtsamkeit und Intelligenz in die Sache bringen, dann wird Sex wieder lustvoll. Im Kern lehrt Slow Sex nichts anderes als Achtsamkeit. Das ist der Schlüssel.

Die südafrikanische Sexualtherapeutin Diana Richardson, 58, leitet Seminare und hat mehrere Bücher über Liebe und Sexualität geschrieben

Die südafrikanische Sexualtherapeutin Diana Richardson, 58, leitet Seminare und hat mehrere Bücher über Liebe und Sexualität geschrieben

Wie kann ich mir das praktisch vorstellen? Wir haben ein Paar im 20. Ehejahr, ein Bett, einen Sonntagmorgen und die Bereitschaft, was Neues auszuprobieren. Und jetzt? Die grundlegenden Elemente sind natürlich dieselben wie zuvor. Nach wie vor sind zwei Köpfe, zwei Körper, ein Penis und eine Vagina im Spiel. Alles ist wie immer und trotzdem komplett anders, wenn Achtsamkeit im Spiel ist. Mit der Achtsamkeit landen wir im Hier und Jetzt - und damit fangen wir in unseren Paar-Seminaren auch an. Wir sagen den Paaren: So, ihr habt jetzt drei Stunden Zeit, macht es wie üblich, aber seid achtsam dabei. Und was verändert sich dadurch? Ein Beispiel: Beim konventionellen Sex, wenn der Mann in die Frau eindringt, macht er das in der Regel sehr schnell. Zu schnell für die Frau, denn der weibliche Körper braucht meistens mehr Zeit. Also gibt sich die Frau diese Zeit, um hinzufühlen, ob ihr Körper bereit ist. Und wenn der Mann sich dann auch Zeit lässt, wenn es Minuten dauert, bis er komplett in ihr ist, dann fühlt es sich plötzlich völlig anders an. Es ist diese Präsenz, die im konventionellen Sex fehlt, und die Präsenz beschert uns ganz neue Erlebnisse.

BRIGITTE WOMAN: Aber beim Sex wirklich präsent zu bleiben ist bekanntlich nicht ganz einfach. Wir denken dabei an Jobtermine und neue Bettwäsche in Hellgrau.

DIANA RICHARDSON: Unser Verstand ist extrem machtvoll, und es ist schwierig, ihn auszuschalten. Die einzige Chance, ihn zu umschiffen, ist, uns immer wieder in den Körper zurückfallen zu lassen mit unserer Aufmerksamkeit. Ihn zu bemerken, hinzufühlen. Zu schauen: Wo ist mein Körper angespannt, wo zieht er sich zusammen, wo verkrampft sich was? Im Kiefer, in den Schultern, im Beckenboden, in der Vagina. Und diese Stellen immer wieder ganz bewusst zu entspannen, weil sich damit die Sensibilität des Körpers erhöht.

BRIGITTE WOMAN: Ein wesentlicher Aspekt von Slow Sex ist der Verzicht auf einen Orgasmus. Das entspricht nicht gerade der gängigen Vorstellung, die da lautet: Guter Sex ist, wenn beide kommen.

DIANA RICHARDSON: Wir haben zwei Möglichkeiten, wie wir mit unserer sexuellen Energie umgehen können. Beim konventionellen Sex läuft es so, dass wir Energie aufbauen und entladen. Es gibt aber auch die Option, die Energie im Körper zu bewahren, indem wir auf die Entladung, sprich den Orgasmus, verzichten. Beim Slow Sex gibt es keinen „Wow“-Höhepunkt, keinen richtigen Abschluss. Aber man trägt die Energie noch in sich, und das fühlt sich komplett anders an.

BRIGITTE WOMAN: Einen Orgasmus zu haben ist aber doch ein großer Genuss.

DIANA RICHARDSON: Der Orgasmus ist vor allem ein riesiges Versprechen. Alles richtet sich danach aus, die Menschen konzentrieren sich beim Sex auf die paar Sekunden und denken gar nicht groß darüber nach, wie sie sich danach fühlen. Nämlich häufig eher so: Na ja. Manchmal niedergeschlagen und traurig. Oder müde.

BRIGITTE WOMAN: Oder vergnügt.

DIANA RICHARDSON: Ja, manchmal ist der Orgasmus tatsächlich sehr vergnüglich. Aber Slow Sex geht über Vergnügen hinaus. Es macht Spaß, aber es ist auch ekstatisch. Bei heißem Sex erlebt man keine Ekstase, da wird man einfach sehr erregt. Ekstase aber ist eher kühl. In Wahrheit sind die Menschen viel zu erregt, um wirklich guten Sex zu haben.

BRIGITTE WOMAN: Ich versuche gerade, mir das Gesicht eines Mannes vorzustellen, dem soeben der Orgasmus aus seinem Liebesleben gestrichen wurde.

DIANA RICHARDSON: Natürlich ist es schwer, den Orgasmus aufzugeben, es hat fast etwas von einer Sucht, besonders für Männer, aber für Frauen durchaus auch. Und Slow Sex richtet sich ja nicht gegen den Orgasmus, sondern gegen dieses zielgerichtete Nach-vorn-Preschen. Das Problem ist doch, dass nicht jeder es schafft, einen Orgasmus zu kriegen. Schon allein deswegen ist es sehr angenehm, ihn außen vor zu lassen.

BRIGITTE WOMAN: Meistens sind es die Frauen, die Schwierigkeiten damit haben, einen Orgasmus zu kriegen.

DIANA RICHARDSON: Fakt ist: Für einen Orgasmus muss man erregt sein, und für die Erregung muss man sich anspannen. Das Problem vieler Frauen ist, dass sie es zu krampfhaft versuchen, wir verspannen zu sehr. Und in dieser Verspannung verlieren wir jede Empfindsamkeit und spüren weniger. Wenn eine Frau wirklich mühelos zum Orgasmus kommt, ist das in Ordnung. Und wenn sie keinen Orgasmus hat, ist es auch in Ordnung. Denn der Zustand, den sie beim Slow Sex durch Entspannung erreicht, verhilft ihr zu einer Erfahrung, die über den normalen Höhepunkt hinausgeht.

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  • Interview: Christine Hohwieler

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