Sex ab 40
Endlich 40! Endlich toller Sex!

Sex wird mit den Jahren immer besser! Besonders ab 40. Woher wir das wissen? Aus genussvoller Erfahrung, sagt unsere Autorin Vera Sandberg.

Foto: drubig-photo/Fotolia.com

Vorurteil Nr. 1: Frauen ab 40 haben weniger Lust auf Sex

Neulich rief mich eine Freundin (48) an und erzählte von ihrem neusten Lover, einem Winzer (44) aus Österreich. "Du, ich hatte noch nie so geilen Sex!", sagte sie. Wörtlich. Ich schluckte. So nackt und pur hätte ich es vielleicht nicht ausgedrückt.

Aber: Warum nicht? Sexuelle Gesundheit ist, wenn die Freude über die Scham siegt. Eine andere Freundin (49) sagt: "Auf einen Mann im Haus kann ich verzichten. Mir fehlt nur der Sex." Wir mussten mächtig lachen, es klang nach später Läuterung. Denn vor mehr als 20 Jahren saßen wir drei zusammen, alle frisch verheiratet und junge Mütter. Und wir erzählten uns, wie glücklich wir sind mit unseren Männern, den jungen Vätern. Sie waren lieb und hatten spannende Jobs. Und sie wollten keine andere. Immer nur uns. Und das andauernd. Das war irgendwie schmeichelhaft, aber hauptsächlich nervig.

Wir waren müde vom Babystress, waren hormonell noch aus der Bahn geworfen nach der Geburt, das Leben war jung und ungeordnet. Fragen wie Schnuller ja oder nein, Teppichkauf, Wochenendhaus, Raten fürs Auto gingen uns durch den Kopf - und stritten sich heftig mit den Wünschen des (möglicherweise nicht sehr einfühlsamen, weil unerfahrenen) Mannes nach sexueller Grundversorgung.

Seit wir aber alle drei unsere Lieblingsrezepte aus dem Hut können, Miete, Telefon und Versicherungen regelmäßig vom eigenen Konto abgebucht werden, die Kinder nur noch zu Besuch kommen und das Verhältnis zu den eigenen Eltern einigermaßen geklärt ist, haben wir viel mehr Zeit und Muße. Besonders für richtig guten Sex.

Vorurteil Nr. 2: Frauen ab 40 sind nicht mehr sexy

Die Soziologie hat das hässliche Wort "erotische Tarnkappe" erfunden, die sich ab einem bestimmten Alter über die Frauen senkt. Beobachtung im Bekanntenkreis: Frauen stülpen sich vorsorglich selbst die Tarnkappe über, aus Angst, nicht mehr attraktiv genug zu sein. Zugegeben, am schönsten waren wir vermutlich mit 16. Es gibt ein Foto: Da liege ich, gleichmäßig gebräunt, nackt im heißen Ostseesand und träume. Wovon, weiß ich nicht, aber ganz gewiss nicht von wahnsinnigem Sex.

Wer mich da so liegen sieht, denkt aber wahrscheinlich genau daran. Inzwischen hat dieser Körper zwei Kinder geboren, er hat Sonnenbrände überstanden und Jahre im Sitzen vorm Computer. Und Tränen geweint. Und Rotwein-Räusche weggesteckt. Und Umweltschäden. Und Fressattacken. Er ist wie ein solider Gebrauchtwagen. Mit TÜV für die nächsten drei Jahre.

Kein Grund für prüde Zeiten. Mehrere Männer haben mir im guten Fachgespräch bestätigt, dass sie selbstsichere und erfahrene Frauen schätzen. Sie wollen nicht immer Reiseleiter sein. Sie sagen: Was stört mich eine Falte am Hintern? Auf die Performance kommt es an. Ich weiß nicht, ob meine Feldstudie repräsentativ ist. Muss sie auch nicht. Ich denke: Er muss ja wissen, warum er mich will, gezwungen habe ich ihn jedenfalls nicht. Also: Wozu die Laune verderben mit angstvollen Gedanken über Gewebefestigkeit? Sex ist doch kein Haltbarkeitstest für Polstermöbel.

Solange es tolle Männer gibt, die ihr Älterwerden nicht mit einer jungen Geliebten kompensieren müssen, geht die Sache für mich und meine Freundinnen in Ordnung. Wir brauchen keine Warteschleife mehr mit Kerlen, die auf uns scharf sind. Nicht mal fürs Ego. Wir haben inzwischen andere Sachen entdeckt, die uns stark machen. Längst nicht mehr die zweifelhaften Angebote von Typen, die mal eben die Elastizität des Materials prüfen wollen.

Vorurteil Nr. 3: Frauen ab 40 sind sexuell genügsamer

Wieso denn das? Wissenschaftlich bewiesen ist: Seine sexuellen Aktivitäten lassen ab 30 kontinuierlich nach, ihre erreichen im selben Alter einen Höhepunkt und bleiben sehr lange auf einem unverändert hohen Niveau! Sinken sie später irgendwann, dann meist wegen seiner reduzierten Sexualität. Auch Umfragen im Freundinnenkreis bestätigen: Wir sind eher anspruchsvoller geworden. Eine meiner Freundinnen sagt: "Es ist wie mit dem Essen. Ich esse gut oder gar nicht." Sex dito - gut oder gar nicht.

Nie wieder lassen wir uns nächtelang mit hilflosem Gefummel vom Schlaf abhalten. Und nie wieder glauben wir, einem Mann irgendetwas an- oder abgewöhnen zu können. Er kann's oder er kann's nicht. In letzterem Fall ist die Sache für uns recht schnell gelaufen. Obwohl: Natürlich sind wir dankbar, wenn’s uns gut geht, wenn jemand lieb zu uns ist. Wir haben ja selbstverständlich all die romantischen Gefühle, die dazugehören. Nur weniger Illusionen.

Vorurteil Nr. 4: Frauen ab 40 kriegen keinen mehr ab

Für diese Banalität braucht man keine Statistik: Junge Männer treiben es mit jungen Frauen und ältere Männer treiben es ebenfalls mit jungen Frauen. Doch keine Panik: Es gibt auch den Gegentrend. Und man muss kein Star sein, um attraktive Männer für sich zu interessieren. Seit wir wirklich wissen, was ein Mann für uns tun kann - und wir für ihn, erweitert sich der Kreis der Kandidaten nämlich dramatisch.

Der Mann in meinen Armen ist zunächst mal nur der Mann in meinen Armen. Weder ist er der Feind, der jeden Moment abhauen will, weil er sich zu Familie und anderen Konsequenzen nicht durchringen kann. Noch ist er potenzieller Familienvater. Darum geht's gar nicht. Ja, ich will, sagen Frauen wie wir nicht mehr auf dem Standesamt. Der Mann steht nicht mehr für alles Glück der Welt. Und kann darum auch nicht so sehr enttäuschen. Sein Status ist uns egal, denn den haben wir inzwischen selbst. Selbst wenn er bei der Mama durchfallen würde - na und? Sie redet längst nicht mehr mit. Und da ist auch nicht die Schere im Kopf: Passt er? Hält er ein Leben lang? Bietet er Schutz und Sicherheit? Die Kriterien haben sich vereinfacht: Riecht er gut? Macht es Spaß mit ihm? Kann er gelegentlich die Espressomaschine bedienen? Klar sind die Anfragen seltener geworden. Na und? Mehr als einen braucht doch keine zur Zeit.

Vorurteil Nr. 5: Frauen ab 40 wollen lieber kuscheln

Ach was. Kuscheln ist schön. Aber Sex ist Sex. Die Medizin empfiehlt ihn fürs gesunde Leben genauso wie sportliche Aktivität. So leiden Frauen mit erfüllter Sexualität weniger unter den Wechseljahren und sind seltener depressiv. Sex ist als Anti-Aging geradezu ideal. Erica Jong zitiert in einem Essay über Sex im Alter die Sexualwissenschaftlerin Professor Beverly Whipple von der Rutgers-Universität: "Das Einzige, was ältere Menschen in Bezug auf Sex akzeptieren müssen, ist, dass der Sex anders ist: entspannter."

Wunderbar! Sex hat nur mit dem Moment zu tun und nichts mit der Welt. Er bestätigt, besänftigt, verbindet. Er hat endlich den Platz, an den er gehört. Meine Freundinnen seufzen: "Schade, dass wir das erst jetzt wissen." Man kann eben nicht alles haben: Erst hatte man den makellosen Körper - und keine Ahnung, was man damit anfangen kann. Jetzt hat man ein paar Makel - dafür geht's noch mal richtig los. Wenn wir nur wollen!

  • Text: Vera Sandberg
    Foto: Fotolia
Sie interessieren sich für unsere Themen? Kostenlosen Newsletter bestellen