Trennung
Verfluchtes Klischee: Seine Neue - eine Jüngere

BRIGITTE WOMAN-Autorin Milena Moser ist getrennt. Was besonders schmerzt: Seine Neue ist eine jüngere Frau.

Auch schöne, kluge Frauen werden von ihren Männern betrogen: die Schriftstellerin Milena Moser

Auch schöne, kluge Frauen werden von ihren Männern betrogen: die Schriftstellerin Milena Moser

Ich sitze in einer Piano-Bar in der Nähe des Hauptbahnhofs vor einem Glas Champagner. Meine Hände sind kalt, aber von meinem Brustbein steigt das vertraute Gefühl einer Hitzewelle auf. Bloß jetzt nicht, denke ich. Ich habe mich gegen meine Gewohnheit geschminkt. Ich hätte es besser wissen müssen. Ich nehme meinen Schal ab, obwohl ein Schweizer Stilberater vor Kurzem in seiner Zeitschriftenkolumne Frauen über 40 empfohlen hat, ihr Dekolleté zu bedecken, um keinen "Gammelfleischskandal" zu provozieren. Gammelfleisch, denke ich. Passt doch. Hier sitze ich und warte auf die neue oder eben nicht so neue Freundin meines Ex-Mannes. Sie ist jünger als ich. Natürlich ist sie jünger als ich.

"Wie viel jünger ist sie denn?" Das ist immer die erste Frage. Nicht: "Ist sie jünger?" Das versteht sich von selbst. Nein: "Wie viel jünger ist sie?" Je häufiger diese Frage gestellt wird, desto mehr Bedeutung bekommt sie. So wird das komplexe, traumatische Ende einer Ehe zusammengefasst. Wie viel jünger? 15 Jahre. Das gilt unter Heterosexuellen schon fast als gleichaltrig. Zumindest dann, wenn die Frau die Jüngere ist.

"Ich bin zu alt für dich!" Das war das Erste, was ich zu ihm sagte, als ich ihn kennen lernte. Ich war 29, er 27, doch er wirkte damals schon viel jünger, mit seinem jungenhaften Charme, seiner Verweigerung alles Erwachsenen.

Der Altersunterschied zwischen uns wurde optisch immer deutlicher. Ich hatte mit Mitte 30 schon so viele Lachfalten, dass ich bei Lesungen auf sie angesprochen wurde. Er blieb faltenlos und dunkelhaarig. Meine Haare dagegen wurden grau. Irgendwann hörte ich auf, sie zu färben. "Das hätte mein Mann mir nicht erlaubt", sagte meine Schwiegermutter halb wehmütig, halb bewundernd. Meiner erlaubte es. Er behauptete sogar, es gefiele ihm.

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  • Fotos: Katharina Lütscher
    BRIGITTE WOMAN 02/13
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