Es sollte ein netter Abend zu viert werden, aber für die 48-jährige Grundschullehrerin Dagmar Gessler* wurde es der reinste Stress. Ihre beste Freundin Anja hatte sich mit 51 Jahren frisch verliebt und wollte den neuen Mann an ihrer Seite vorstellen. Also saßen sie sich gegenüber – das alte Ehepaar Dagmar und Wolfgang und das junge Liebesglück Anja und Peter. Das Ehepaar auf Abstand, wenig Blickkontakt, kaum Berührungen, warum auch, man kannte sich schließlich schon länger. Das Liebespaar eine menschliche Brezel, nonstop zärtliche Blicke und Gesten.
"Nie war mir so sehr aufgefallen, wie unhöflich und unaufmerksam mein Mann und ich miteinander umgingen", sagt Dagmar, "bis Wolfgang an mir vorbei zum Salz griff, dabei mein Rotweinglas umkippte und ich ihn mit 'Pass doch auf, du Depp' anraunzte. Und das fiel mir nur deshalb so krass auf, weil Peter gerade sein Jackett auszog, um es Anja umzulegen. Und vorher seine Sachen aus den Taschen entfernte, damit es nicht zu schwer für sie war. Wow, dachte ich, so was gibt es also auch."
Fehlt etwas in der Partnerschaft, wenn es keinen Respekt gibt?
Bis dahin hatte Dagmar den Umgangston in ihrer Ehe für völlig normal gehalten. Sie waren schließlich kein frisch verliebtes junges Paar mehr. Sie hatten drei Kinder großgezogen, ein Haus gekauft, ein Geschäft aufgebaut und wieder verloren. Sie hatten sich betrogen und verziehen. Er hatte ihre Hand gehalten, als sie erfuhr, dass es doch kein Brustkrebs war. Sie kaufte ihm Kürbiskernpillen zur Vorbeugung gegen Prostatavergrößerung. Ein Bett ohne ihn darin war für sie nicht vorstellbar. Ein Leben ohne ihn noch weniger.
Doch war das wirklich genug? Plötzlich gab es Fragen. Wann hatte Wolfgang ihr zuletzt die Autotür aufgehalten? Wann sie die Zeitung nach dem Lesen wieder zusammengefaltet, weil er "unordentliche" Zeitungen so hasste? Wann hatte sie das letzte Mal über seine Witze gelacht? Wann hatte er zum letzten Mal ihre Rinderroulade gelobt? Ihr überhaupt ein Kompliment gemacht? Sie ihn zärtlich berührt, weil sie seine Haut so gern anfasste? Und die Hauptfrage: Warum eigentlich behandeln wir die Menschen, die wir am meisten lieben, oft schlechter als völlig Fremde? Warum zeigen wir uns verständnisvoll, wenn ein Kollege sich verspätet, und reagieren gereizt mit "Ich finde das rücksichtslos von dir!", wenn der Partner es tut? Gähnen ungeniert, wenn er aus der Firma berichtet, und hängen dann stundenlang mit unserer besten Freundin am Telefon?
"Weil wir glauben, es uns leisten zu können", sagt die Hamburger Verhaltenstherapeutin Petra Ohlsen-Andresen, "und weil wir im Beruf oft so gestresst sind, dass wir nicht auch noch an unserer Beziehung arbeiten wollen. Wir halten die Liebe für einen Selbstgänger. Aber sie ist nicht so strapazierfähig, wie wir sie gern hätten. Und es sind häufig nicht die großen Vertrauensbrüche, wie Fremdgehen, die sie kaputt machen, sondern die Anhäufung vieler kleiner Dinge."
Dagmar war klar, dass nach 24 Ehejahren "romantisch die Luft raus war", wie sie es nannte. Es wäre ihr deshalb albern vorgekommen, Wolfgang plötzlich kleine Liebesbotschaften in den Aktenkoffer zu schmuggeln oder ihn abends im schwarzen Nachthemd zu begrüßen. Was sie auf einmal viel mehr störte, waren die kleinen Lieb- und Achtlosigkeiten, die sich nach und nach in ihre Ehe eingeschlichen hatten, von der sie doch einmal vor dem Altar geschworen hatten, "sich zu lieben und zu ehren, bis dass der Tod uns scheidet".
* alle Namen von der Redaktion geändert







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