Trennungen

Liebeskummer mit 40: Ist das noch erlaubt?

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Der Klassenlehrer kam zu mir nach Hause, war voller Sorge. Und voller Mitgefühl. Ich hielt ihm die „Leiden des jungen Werther“ vor die Nase, dieses Bekenntnis unbedingter Liebe, die das Du höher wertet als das eigene Ich. Bis in den Tod hinein. Mein Lehrer war entsetzt, hielt mir Vorträge über die Vergänglichkeit des Schmerzes und die Bedeutung der Selbstliebe. Doch ich spürte, hinter seiner väterlichen Autorität steckte auch ein Fünkchen wehmütiger Respekt für die radikale jugendliche Unbedingtheit, die ich an den Tag legte. Für meine Freundinnen war ich damals die Heldin der Liebe. Sie besuchten mich jeden Tag, hielten Händchen. Ihre Geduld mit mir war unermesslich. Besonders eine Freundin wich kaum von meiner Seite, hörte sich meine Liebesgeschichte immer wieder an, weil sie wusste, wie sehr mich das Sprechen erleichterte. Gutmütig fragte sie zum x-ten Mal: „Willst du mir noch einmal erzählen, wie du ihn kennen gelernt hast?“ Beide hofften wir auf ein Happy End.

"Du machst dich zur Närrin"

Als es mich dann 30 Jahre später wieder erwischte, hat meine beste Freundin nach einer Zeit, die mir unbarmherzig kurz erschien – vielleicht vier Wochen –, genervt die Augen verdreht, wenn ich wieder und wieder anfing, mich in Schwärmereien von diesem Mann zu ergehen. Sie war eine tolle Freundin, es mangelte ihr keineswegs an freundschaftlicher Solidarität. Sie nahm mich einfach nicht ernst. Sie hielt mich nicht für jenseits von Gut und Böse. Im Gegenteil: Sie sah mich hindernislos in eine neue Beziehung gleiten. Sie hielt, was den Weg dorthin angeht, eine Irritation für möglich, einen Irrweg, einen emotionalen Pikser, doch keine solche Katastrophe. „Reiß dich mal zusammen, meine Liebe“, sagte meine Freundin. „Aus dem Alter, in dem wir uns kindisch in Liebesdramen verwickeln lassen, sind wir doch raus.“ Eine andere Freundin reagierte noch schonungsloser: „Wahrscheinlich will der keine Beziehung mit dir, weil du ihm zu alt bist. Du machst dich zur Närrin, das steht einer Frau in deinem Alter schlecht zu Gesicht.“

  • Text: Maria Schreiber
    Credit: plainpicture/hasengold
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