Erotik
Das ungewisse Etwas
Sie ist nicht käuflich und nicht künstlich. Sie ist zauberisch, flüchtig, rätselhaft. Auch wenn sie da ist, können wir sie nicht dingfest machen. Über das Wesen der Erotik.
Sie ist nicht käuflich und nicht künstlich. Sie ist zauberisch, flüchtig, rätselhaft. Auch wenn sie da ist, können wir sie nicht dingfest machen. Über das Wesen der Erotik.
Wir spüren sie stark und können sie nicht greifen. "Erotik hat etwas Flüchtiges, Scheues, aber sie wirft dich um, wenn sie da ist", sagt die Berliner Filmproduzentin Regina Ziegler. Wir können sie nicht machen, nicht herbei zitieren, sie unserem Willen nicht unterwerfen. Manchmal erfüllt sie uns ganz, aber sie geht, wann sie will. Und beim Versuch, sie zu zwingen, platzt ihr Zauber. Sie ist eher leise, das Gegenteil von Action. Berühmte Ausnahmen: Tina Turner, Rolling Stones. Geschmackssache. Natürlich.
Erotik ist Versprechen, Ahnung, Schönheit des Moments. Wie das Leben selbst. "Erotik ist einfach da, ganz natürlich", sagt die 25-jährige Lilly. Sie ist das Sinnliche, das Sinn macht. Sie ist uns allen verdammt wichtig. Einerseits ist sie körperlich erfahrbar, das Blut pulst schneller, der Atem geht tiefer, wenn wir ihren Hauch spüren. Andererseits ist sie rein ideell. Nicht käuflich, nicht herstellbar. Immer in Bewegung. Ein Schwebezustand zwischen uns und der Welt.
Wer sich nach ihr erkundigt, zum Beispiel, um über sie zu schreiben, stößt bei den üblichen Quellen vor allem auf Sex und Pornografie. "Wenn wir Haben wollen, Besitzen wollen, dann dominieren uns die Reize, dann wird aus Erotik Pornografie", sagt Annelie Keil, Bremer Professorin für Sozialwissenschaften, die sich vor allem mit dem Zusammenwirken von Körper, Geist und Seele beschäftigt. Und "Porno ist unerotisch", sagt der Hamburger Psychologe Oskar Holzberg.
Sex kann sehr unerotisch sein. Zum Beispiel, wenn wir ihn eigentlich nicht wollen und es zu spät merken. "Ich werde mal was zum Schutz des Lakens tun", sagt jemand und legt ein Frotteehandtuch bereit. Tja, da hat die Erotik jegliche Chance verloren. Sex soll zum Orgasmus führen, Erotik entzieht sich so klarer Nützlichkeit. Sex ist ein Akt. Erotik der Hauch eines Gefühls. So aufregend, so beglückend, wie der übermächtige Wunsch, jetzt sofort die ganze Welt umarmen zu wollen. Die Verbundenheit mit der Welt, nichts weniger ist Erotik. Lebendigkeit. Der uralte Verschmelzungswunsch, der uns durchs Leben treibt.
Erotik ist überall anwesend, in der Luft, am See, in der brüllenden City, sie endet definitiv am Eingang zum Erotik-Shop. Was wir kaufen können, ist kein Geheimnis mehr. Eine Ware kann niemals erotisch sein. Es sei denn, die Straps oder der Leder-BH bekommen erotisches Leben eingehaucht, in Gedanken an einen Liebsten. Dann werden sie eventuell von einem technischen Detail zum Aufreger.
Wir können einen wunderbar gearbeiteten Tisch erotisch wahrnehmen, wenn wir mit der Hand langsam über seine feine Oberfläche streichen. Dann fühlen die Fingerspitzen das edle Handwerk mit, menschliches Können, Kreativität, Kunst. Perfektion von Menschenhand, Staunen, Begeisterung - sehr erotisierend. So wie umgekehrt die bloße Existenz der Erotik Künstler zu ihren Werken treibt. Bilder, Skulpturen, Romane, Gedichte, Opern, Balladen, Rock'n'Roll - was wären sie ohne Erotik?