Seitensprünge
Die Frau meines Geliebten: Wer ist sie eigentlich?

Obwohl sie seit einem Jahr zu meinem Leben gehört, kenne ich den Namen der Frau meines Geliebten nicht. Er sagt nur "sie". Dabei ist er mit ihr verheiratet.

Foto: Wavebreak Media Ltd./Corbis

Von ihrem Äußeren habe ich nur eine vage Vorstellung, ich habe sie einmal auf einem unscharfen Foto von hinten gesehen, sie hat blondes Haar und wirkt kleiner als ich. Sie sei schön, sagt mein Geliebter.

Wer will schon einer anderen Frau ihren Mann wegnehmen? Absichtlich passiert das wohl selten. Was zwischen ihm und mir geschehen ist, hatten wir beide nicht angestrebt. Im Gegenteil: Als ich erfuhr, dass er seit vielen Jahren verheiratet ist, drehte ich mich auf dem Absatz um und ging. Doch es war eine schöne, sanfte, nachdrückliche Kraft, die uns zueinandertrieb, es hätte enormen Willen erfordert, ihr zu widerstehen. Obwohl wir absolut entzückt voneinander waren - und sind -, zögerte er ein halbes Jahr, bevor er mich zum ersten Mal küsste. Bis dahin hatte ich die Existenz seiner Frau verdrängt.

Das kann ich jetzt nicht mehr. Denn er kehrt fast jeden Abend zu ihr zurück in das Haus, in dem sie seit Jahrzehnten leben, in dem ihre Kinder groß wurden. Das eheliche Schlafzimmer befindet sich im ersten Stock, mehr weiß ich darüber nicht. Ich weiß auch nicht, von wo mein Liebster seine Mails an mich verfasst, vielleicht sitzt er dabei auf dem Sofa, während sie an ihm vorbeigeht, wenn es an der Haustür klingelt. Vielleicht hat er manchmal Sorge, dass sie mit einem Seitenblick auf den Bildschirm erkennen könnte, dass er keineswegs beruflich beschäftigt ist. Vielleicht kommen sie sich aber längst nicht mehr so nah, dass das möglich wäre.

Gewissensbisse, weil ich ihr den Mann abspenstig mache, habe ich nicht. Auch hege ich keine feindseligen Gefühle ihr gegenüber, muss sie nicht schlecht machen, um meine Berechtigung, ihren Mann zu lieben, zu erhöhen. Würde er ihr wirklich gehören, sofern man es so überhaupt ausdrücken darf, hätte er sich nicht nach mir umgesehen, denn er ist alles andere als ein Hallodri. Und noch ein Klischee bleibt unerfüllt: Ich bin keine 20 Jahre jünger als die andere, sondern nur vier.

Kennen lernen werde ich sie wohl nie, ich kann mir auch nicht vorstellen, dass sie ihrerseits Wert darauf legte. Offiziell ahnt sie nichts von mir und der Bedrohung, die meine Existenz für ihre Ehe ist, für ihr scheinbar festgefügtes Leben als Teil eines Paares. Denn das wäre bald vorbei, wenn ihr Mann sich auch räumlich so weit von ihr entfernen würde, wie er es emotional schon vor unserer Begegnung getan hat.

Bisher hat er ihr nicht gestanden, dass er mich liebt oder gar von ihr wegstrebt. Inoffiziell muss sie es wissen. Keiner Ehefrau kann verborgen bleiben, dass ihr Mann plötzlich Sport treibt, zehn Kilo abnimmt, stündlich offenbar vertrauliche E-Mails schreibt, ständig sein Handy auf Kurznachrichten überprüft, öfter als sonst nachts wegbleibt. Anders als früher nimmt sie das heute stillschweigend hin - vielleicht, weil sie Angst hat vor der Wahrheit.

Selten stelle ich mir vor, wie das tägliche Eheleben mit diesem trotz seiner Unsichtbarkeit mächtigen Nichts-sehen-nichts-sagen-Tabu offene Gespräche unterbindet, liebevolle Spontaneität unterläuft, Zukunftspläne unmöglich macht, Spannungen erzeugt, die sich bestenfalls im Streit über Nebensächlichkeiten entladen. Die andere muss sehr allein sein, während sie spürt, dass er es nicht ist. Sie müsste sehr viel Kraft aufbringen, ihren Mann mit der Wirklichkeit zu konfrontieren, die er verleugnet.

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  • Protokoll: Elisabeth Ligensa
    Foto: Wavebreak Media Ltd./Corbis
    Umfrageergebnisse: www.seitensprung.de
    BRIGITTE WOMAN 01/2013
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