Sie hatte sich so auf dieses Wochenende gefreut. Nur sie und ihre Tochter Anna, ein Wellnesshotel in Warnemünde, Strand, Sauna, gutes Essen und ganz viel Zeit zum Reden. Es war schwierig gewesen, eine Lücke in Annas übervollem Terminkalender zu finden, als gefragte Webdesignerin für Modefirmen stieg Anna, 28, so regelmäßig in den Flieger wie ihre Mutter in den Bus. Doch gerade als diese ihren Koffer schließen wollte, kam der Anruf: "Mama, tut mir echt leid, aber ich muss heute noch nach Dubai."
„Wir sind uns richtig fremd geworden.“
Und so saß die 53-jährige alleinlebende Lehrerin Doris Franke* auf ihrem gepackten Reisekoffer und fühlte sich wie ein Ballon, aus dem langsam, aber unaufhörlich die Luft entweicht. Denn es war nicht nur das geplatzte Wochenende, übrigens nicht das erste, das sie so traurig machte, es war dieses Gefühl, auf der Prioritätenliste ihrer einzigen Tochter immer weiter nach unten zu rutschen. So eng war die Beziehung noch vor wenigen Jahren gewesen, so innig, alles hatte sie von Anna gewusst, selbst, wann sie ihre Periode hatte, und jetzt lebte sie in einer Welt, an der das Schild "Mütter müssen draußen bleiben" zu hängen schien. "Ich verstehe nicht genau, was sie beruflich macht, ich kenne ihre neuen Freunde nicht, ihr Alltag spielt sich auf Flughäfen und in Hotels ab, wir sind uns richtig fremd geworden", sagt Doris Franke traurig, "es ist die Panik vor dieser schleichenden, aber unaufhaltsamen Entfremdung, die mich einfach fertig macht."
Wenn Kinder ausziehen, bedeutet dies häufig Verlustangst
Wer Nachwuchs jenseits der Geschlechtssreife hat, kennt dieses Wehmutsgefühl, kennt ihn, diesen Abschied auf Raten. Gerade haben wir uns vom Stress und Chaos der Pubertät erholt, sind unsere schlampigen, pickligen, ekelhaften Teenies wieder zu sozial verträglichen Wesen geworden, da verlassen sie das Nest. Sagen einfach Tschüs.Fangen ein Leben an, dessen Alltag wir nicht mehr teilen, haben Freunde, die wir nicht mehr kennen, reisen ohne uns an Orte, von denen wir noch nie gehört haben, haben Jobs wie "Suchmaschinenoptimierer", bei denen wir kaum ahnen, was dahintersteckt.
Und wir fühlen diese würgende Verlustangst, die wir, vermeintlich so lässige Hüter cooler Beziehungskisten ("Loslassen heißt, beide Hände wieder frei zu haben!"), nicht in uns vermutet hätten. Obwohl es oft gerade wir sind, die unlustig und mit schlechtem Gewissen zum Hörer greifen, um unsere alten Eltern mal wieder anzurufen und uns zum Sonntagskaffee anzumelden.
Das ist die bittersüße Ironie: Wir sind tief enttäuscht, wenn sich unsere Kinder verhalten wie wir (früher) unseren Eltern gegenüber. Wenn sie nur bedingt Lust haben auf gemeinsame Unternehmungen, auf lange Gespräche, auf täglichen Telefonkontakt. "Mami, dafür hab ich doch meine Freunde", bekam die 48-jährige Krankenschwester Uschi Zacharias kürzlich von ihrer Tochter Leonie, 20, zu hören, "mach dich doch einfach mal ein bisschen lockerer."













Ich habe mich vor dieser Zeit total gegruselt, besonders der Aszug der jüngeren Tochter stand mir bevor - endet doch ein sehr prägender Lebensabschnitt - und als wir die "Kleine" in ihrem WG-Zimmer zurückließen, hab ich den ganzen Rückweg im Auto geheult. Aber eigentlich ist es gar nicht schlimm. Mein Mann und ich haben viel weniger Streitpotential, wir genießen auch die sturmfreie Bude (anfangs fühlte es sich auch mal so an wie früher wennn die Eltern aus dem Haus waren ;) ), wir kochen Dinge die die Kinder nie mochten ...... und wenn die Brut dann mal wieder einfällt genießen wir das auch !
Nur Mut!