Familien

Waltraud Kastlunger und ihre Brüder

Waltraud Kastlunger wuchs mit acht Brüdern - einer von ihnen ist der Extrembergsteiger Reinhold Messner - in der archaisch-harten Dorfwelt der Dolomiten auf.

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Waltraud Kastlunger: athletisch fit

Ihr Heim steht in Götting, einem kleinen Ort in der Voralpenlandschaft bei Rosenheim. Es gibt eine Eckbank mit Bauerntisch, in den Vasen stehen getrocknete Blumen, und an den Wänden hängen Aquarelle Südtiroler Künstler. Überall finden sich Erinnerungen an die Bergwelt, aus der sie als junge Kindergärtnerin vor 24 Jahren aufgebrochen ist, weil Ehemann Karlheinz, ein Mathematiker, in Bayern Arbeit fand. Genau wie ihr berühmter Bruder Reinhold Messner ist Waltraud Kastlunger fit und athletisch wie eine Gemse. Joggen und Bergwandern geht sie regelmäßig. Außerdem engagiert sie sich ehrenamtlich als Schülerbetreuerin an der örtlichen Grundschule. Sie hat zwei Söhne, die heute in München studieren und nur noch am Wochenende nach Hause zu den Eltern kommen. Und das ist auch gut so, findet Waltraud: "Ihr Weg in die Selbständigkeit lässt uns mehr Zeit für Südtirol, das immer meine wahre Heimat geblieben ist."


Das Leben der Waltraud Kastlunger - ein Protokoll:

St. Peter in Villnöss heißt das Südtiroler Bergdorf, aus dem wir alle kommen. Meine Mutter Maria wurde 1913 geboren. Sie stammt aus einer bürgerlichen Familie, die den Kramer-Laden des Ortes besaß. Ob Topf oder Knopf, Brot oder Zement, beim Großvater gab es einfach alles. Nach der Höheren- Töchter-Schule "Mariengarten" in St. Pauls hat meine Mutter zu Hause im Geschäft gearbeitet. Sie war vier Jahre älter als unser Vater - aber sie sah immer jung aus.

Hochzeitsbild der Eltern Maria und Josef von 1942

Das ist ihr Hochzeitsbild vom Februar 1942. 25 war unser Vater Josef damals. Später hat er oft gesagt, er würde nie wieder so jung heiraten! Dabei hat er die Mutter wirklich innig geliebt. Drei Monate nach der Hochzeit wurde er zur deutschen Wehrmacht eingezogen, und meine Mutter sagte später manchmal, die Kriegsgräuel in Russland hätten ihn verändert, introvertierter und unnachgiebiger gemacht. Mit uns Kindern hat er jedenfalls kaum über private Dinge gesprochen. Da ging es nur immer um Disziplin und Leistung.

Er kam aus sehr bescheidenen Verhältnissen. Einige Kühe, zwei Schweine, ein paar Hühner, Hasen, mehr hatte ein Kleinhäusler nicht. Aber er war gescheit und durfte in den 30er Jahren aufs Gymnasium. Das Internat bezahlte ihm teilweise der Pfarrer. Doch in der vorletzten Gymnasialklasse nahm ihn der Großvater aus der Schule, weil ihm der Josef im Wald helfen sollte. Baumfällarbeiten waren die Haupteinnahme der Familie. Für das schwere Holzschlagen war mein Vater nur viel zu schmächtig. Nach dem Krieg ging er als Hilfslehrer nach Barbian ins Eisacktal, wo er die ganze Woche über wohnte. Nur am Wochenende kam er zu Frau und Kindern nach Hause. 1957 hat er sein "Lehrerabitur" nachgeholt, und leitete dann auch die Dorfschule in St. Peter.

Nur bei Waltrauds Geburt schickte die Mutter ein Telegramm an den Vater: "Ein Mädchen!"

Neun Kinder hat meine Mutter zur Welt gebracht - ohne Arzt, nur mit einer Hebamme. Als mein ältester Bruder Helmut 1943 zur Welt kam, war der Vater schon im Krieg. Er hat ihr aber jeden Tag geschrieben. Persönliche, innige Briefe. Sogar Gedichte hat er ihr geschickt. Einmal wurde er verwundet und kam auf Heimaturlaub nach Hause - dabei wurde wohl der Reinhold gezeugt. Seine Geburt muss schlimm gewesen sein. Denn Reinhold war nicht nur der schwerste von den Brüdern, er ist auch während eines Bombenangriffs auf die Welt gekommen. Die Pflegeschwestern wollten die Mutter noch in den Bunker bringen, aber die rief: "Bevor das Kind nicht da ist, gehe ich nicht." Das war ihre Art von Gottvertrauen. Die Hebamme hat das Kind dann in eine Kapelle gebracht - und gesagt: Lieber Gott, du hast die Kindlein geschaffen, jetzt bring sie auch durch!

Und die Familie wuchs: Im Mai 1946 wurde Günther geboren, im Juli 1948 der Erich, am 4. März 1949 kam ich, fast genau ein Jahr später, am 13. März 1950, der Siegfried. Die Mutter hatte die Knaus-Ogino-Methode angewendet. Aber sie hat bald gemerkt, dass die zur Verhütung nix taugt. Vor allem, wenn man schon vier kleine Kinder hat und nachts immer aufstehen muss. Wie will man da jeden Tag zur gleichen Zeit die Temperatur messen? Es gab dann wohl eine Pause bis Oktober 1953, da kam der Hubert zur Welt, im April 1955 Hansjörg, und mit 44 bekam sie im Mai 1957 den Werner. Sie ist nie zu einer Untersuchung gegangen. Wenn es so weit war, ließ sie sich immer ganz allein von einem Taxi in die Privatklinik der "Grauen Schwestern" nach Brixen fahren. Nur bei meiner Geburt schickte sie dem Vater eine Nachricht: "Ein Mädchen!" Zur Feier des Tages entließ er seine Schüler früher nach Hause.

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  • Text: Lisa Stocker
    Fotos: Maria Dorner und privat
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