Foto: Benser/Corbis
Nächsten Monat wird meine Mutter 80. Seit geraumer Zeit habe ich den Eindruck, dass sie schrumpft. Ihr Körper wird immer kleiner, ihre Lust zu leben auch. Wenn ich sie umarme, flüchtig und etwas ungelenk, wie das in unserer Familie üblich ist, spüre ich, dass sie kaum noch Kraft hat. Organisch ist sie gesund, trotzdem habe ich die Ahnung, dass sie nicht mehr lange leben wird. Ihre Energie scheint aufgebraucht. Sie fährt auf Reserve. Wenn ich am Telefon mit ihr spreche, klingt ihre Stimme noch fest, aber wenn ich sie sehe, erschrecke ich jedes Mal. Oma will nicht mehr leben, aber sie hat Angst vor dem Tod, sagte meine jüngste Tochter nach unserem letzten Besuch.
Ich habe auch Angst. In meiner Fantasie sehe ich mich manchmal am offenen Grab meiner Mutter stehen. Mit zitternder Hand werfe ich Erde auf den Sarg und weine. Die Tränen fließen nicht, weil sie mir so fehlt, sie laufen wie ein Sturzbach, weil ich endgültig die Hoffnung auf innige Nähe begrabe. Als Kind habe ich diese Nähe zu meiner Mutter schmerzlich vermisst, und mit fast 50 ertappe ich mich dabei, dass ich mich immer noch danach sehne. Und dann schrecke ich auf und denke: So lange will ich nicht warten. Ich möchte mich vorher von dieser verrückten Hoffnung verabschieden und meinen Frieden machen mit unserer unvollkommenen Beziehung, dieser ewigen Baustelle.
Die Distanz muss ich akzeptieren
Ich glaube nicht an dramatische Wendungen am Sterbebett à la Hollywood. Was mich nicht daran hindert zu fantasieren, wie meine Mutter, den Kopf auf ein weißes Kissen gebettet, mit letzter Kraft haucht: "Es tut mir leid, dass ich immer so kühl und streng zu dir war", und dass ich ihr tränenüberströmt verzeihe. Dann schauen wir uns zum ersten und einzigen Mal in diesem Leben tief in die Augen, danach schläft sie friedlich ein, und der Raum ist von Liebe und Licht erfüllt. Amen. Abspann. Das ist eine schöne, sentimentale Fantasie, die mich jetzt, wo ich sie aufschreibe, bei allem Kitsch zutiefst rührt. Und doch liegt etwas Falsches darin.
Meine Mutter könnte so viel Intimität nie zulassen und Selbstkritik nur über ihre Leiche. Das muss ich akzeptieren. Und auch die Vorstellung, dass ich ihr großzügig und feierlich verzeihe, ist schräg. Denn es gibt in dem Sinne nichts zu verzeihen. Meine Mutter hat ihren Job so gut gemacht, wie sie konnte. Sie hat gegeben, was ihr möglich war, und mir sicher nichts vorenthalten. Dass ich an ihrer Distanziertheit, ihrer strengen Kühle, ihrer Unerreichbarkeit als Kind schier verzweifelt und als Jugendliche fast verrückt geworden bin, liegt außerhalb ihrer Vorstellungskraft. Ich hatte immer gute Noten, ich habe immer alles geschafft. Wo bitte war das Problem?







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am um
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Debbie
am 15.03.13 um 14:59
Zitat MH: "Vielleicht kann sie nichts dafür, dass sie so ein Aas ist. Aber ein tollwütiger Hund kann auch nichts dafür, dass er angesteckt wurde und ich lass ihn trotzdem nicht mit meinen Kindern spielen."
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Debbie
am 15.03.13 um 14:51
Ehrlich gesagt ist mir egal, WARUM meine Mutter bösartig, sadistisch und von Neid zerfressen war. Ich weiß nur DASS sie es war und dass ich meine gesamte Kindheit und Jugend unsagbar unter ihr gelitten habe. Als Kind wollte ich sterben, um das Leben mit ihr nicht mehr ertragen zu müssen. Als Jugendliche dachte ich "Halt durch, du hast jetzt so lange gelitten, gib jetzt nicht auf, bald wird alles gut!" . Als junge Erwachsene brach ich unter anfänglichen Protesten, Verleumdungen und Telefonterror den Kontakt ab. Ich weiß erst seit dem, was Leben eigentlich ist. Über die Jahre lernte ich Vetrauen zu fassen, dass es auch Menschen gibt, die es gut mit einem meinen. Heute bin ich glücklich und kann sagen, dass der Überlebenskampf sich gelohnt hat. Klar, hatte ich es Anfangs schwer, so völlig ohne Selbstbewusstsein. Der Kontaktabbruch hat mein Leben gerettet.
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humanesse
am 16.01.13 um 14:08
Arbeiten bis zum Umfallen, Studium, Brav sein, alles nur um ihr zu gefallen. Folge: Verzweiflung, Suizidverhalten, Depressionen trotz Therapien, Psychoanalyse. Bis heute kann ich nicht verstehen, wie eine Mutter ihr Kind mit so viel Verachtung strafen kann. Die Außenwelt hat keine Ahnung davon. Wenn ich es mal erzähle, wie meine Mutter mich behandelt hat, glauben die Menschen es fast nicht, dass eine "doch so intelligente, bis heute noch attraktive Frau" so viel Kummer in sich trägt. Denn ich wirke selbstbewusst, aber mein Selbstbewusstein ist so gering, dass es fast nicht auszuhalten ist.
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Maxxie
am 12.12.12 um 11:00
"Das bildest du dir nur ein!" – dieser Satz hat meine Kindheit und Jugend geprägt.
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Elli Ruth
am 08.12.12 um 05:56
Habe selbst 3 Töchter und habe deren Form der Ablösung wie einen Todesstoß erlebt, sollte meine Enkel nicht sehen. Meine Mutter war als junge Frau durch die Nachkriegszeit nicht mütterlich sondern wie ein kleines Kind. Wir waren Hippies und ziemlich revolutionär, also keine einfachen Kinder. Heute habe meinen Frieden mit meiner Mutter. Keine Mutter ist die Richtige, nur selten sind Töchter zufrieden mit ihrer Mutter, das liegt wohl in der Natur. Es braucht die Kritik zur Ablösung und Selbstständigkeit. Aber manchmal ist diese Kritik so abrupt, auch Therapeuten raten oft zur rigorosen Trennung, ein fast tödliches Modell, ich habe nur knapp überlebt, der Schmerz war unerträglich. Du sollst Vater und Mutter ehren, eine Selbstverständlichkeit in allen Relgionen, ich weiß heute warum. Ich schäme mich heute für manche kaltschneuzige Ablehnung meiner Eltern und bitte sie innerlich um Verzeihung! Ich bin jetzt 60 Jahre alt.
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MH
am 07.12.12 um 18:17
"Das bildest du dir nur ein", "Stell dich nicht so an" Ich bin also nicht die Einzige. Sie hat mir so oft gesagt, dass ich ja so schwierig sei und es wegen mir allen schlecht ginge, dass ich mich fast umgebracht hätte um der Welt einen Gefallen zu tun. Vielleicht kann sie nichts dafür, dass sie so ein Aas ist. Aber ein tollwütiger Hund kann auch nichts dafür, dass er angesteckt wurde und ich lass ihn trotzdem nicht mit meinen Kindern spielen.
mehr (6)Super Vergleich, diesen Satz werde ich mir merken. Insbesondere, da meine Mutter auch sehr bösartig zu meiner damals noch kleinen Tochter war, so dass diese regelrecht Angst vor ihr hatte. Nach dem Kontaktabbruch war das Geschrei natürlich groß, dass ich ihr das Enkelkind vorenthalten würde. Was ich der armen Frau damit antun würde. Ich habe mein Kind beschützt, wie es meine Aufgabe war und meine Mutterliebe ließ auch gar nichts anderes zu.
In meiner Jugend fragte ich mich oft, ob meine Mutter wohl verrückt ist, oder ob sie einfach bösartig ist. Hilflos wie ein Kind gab sie sich immer.
Aber sie hat mir immer gesagt: Du spinnst. Du bist verrückt. Was hast Du gemacht? Wie siehst Du aus? Du machst alles nur noch schlimmer. Guck Dir die anderen an.
Ich war ein zu braves Kind, zu hübsch, zu intelligent für diese Frau, meine Mutt
Und er hat auch Jahrzehnte später jedes Gespräch über die Vergangenheit zunichte gemacht.
Es hat (viel zu) lange gedauert, bis ich kapiert habe, dass ich selbst für mein Leben verantwortlich bin, nicht das oft zerstörerische Verhalten meiner Mutter. Seit ca. 10 Jahren gibt es keinen Kontakt mehr. Und seitdem geht es mir (anhaltend) gut.
Ich bin nicht mehr wütend/enttäuscht/verletzt durch ihr Verhalten, sondern ich habe einen Strich unter all das gezogen, es spielt für mein heutiges Leben keine Rolle mehr. Wir werden uns "in diesem Leben" nicht mehr wiedersehen, und das ist gut so.
Ein sehr guter Artikel!