Mütter & Töchter

Hilfe, meine Mutter ist anders

Eine Mutter, die nicht so ist wie die der Freundinnen - für die Tochter oft schwierig. Meine Mutter ist anders - das kann es eine Entwicklungschance für beide sein.

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Elke Günther, 63, war zu DDR-Zeiten Modedesignerin, kleidete sich und die Tochter gern auffällig und lebte unkonventionell

Elke Günther, 63, war zu DDR-Zeiten Modedesignerin, kleidete sich und die Tochter gern auffällig und lebte unkonventionell

Als Mädchen wünschte sich Alexandra Günther einen Jeansrock - in der DDR nicht leicht zu bekommen. Glücklicherweise war ihre Mutter Modedesignerin. Elke Günther wusste, wie man an Stoffe rankam, und nähte ihrer Tochter den Rock. "Allerdings hat sie ihn nach ihrer Art flippig-kreativ gestaltet." Alexandra Günther lacht; heute kann sie das, damals war ihr nicht nach Lachen zumute. "Der Stoff war viel zu dunkel, und hinten prangte eine rote Schleife." Alexandra hatte sich einen normalen Jeansrock gewünscht. "Durch meine rebellische Art bin ich in der Klasse schon genug aufgefallen, da musste ich nicht auch noch optisch aus der Reihe tanzen." Ihre Mutter, die in ihrer Jugend ein Hippie gewesen war und mit verrückten Outfits durch Ost-Berlin lief, während die meisten Frauen hinter Einheitslook verschwanden, konnte das nicht nachvollziehen. Der Jeansrock war nicht das einzige auffällige oder ungewöhnliche Kleidungsstück, das sie für ihre Tochter nähte. Meist kam Alexandra Günther nicht gegen ihre Mutter an. "Ich habe die Sachen dann ausgezogen, sobald ich aus der Wohnung war", erzählt die 35-jährige Berlinerin heute.

"Manchmal fand ich meine Mutter ein bisschen peinlich. Zum Beispiel, wenn sie aufgedreht auf der Straße vor sich hin trällerte"

Man sagt, Kinder wollen nicht anders sein als andere Kinder. Was aber, wenn die eigene Mutter gegen gesellschaftliche Konventionen verstößt? Macht sie ihre Tochter damit unglücklich, zur Außenseiterin? Oder ist eine Tochter zufrieden, wenn ihre Mutter glücklich ist? Manchmal fand Alexandra Günther ihre Mutter ein bisschen peinlich, zum Beispiel, "wenn sie aufgedreht auf der Straße vor sich hin trällerte". Meist war sie jedoch stolz auf sie, "weil sie so selbstbewusst ihren Stil und ihre Meinung vertreten und immer wieder Neues ausprobiert hat - darin wollte ich ihr nacheifern". Vor der Wende verkaufte Elke Günther ausgefallene Kleidung auf den neu entstandenen Märkten. Staatlichen Restriktionen zum Trotz verdiente sie damit in den letzten Jahren der DDR "sehr viel Geld". Elke Günther lebte ihren Töchtern früh vor, dass man es mit Einfallsreichtum, Mut und Beharrlichkeit weit bringen kann - egal, was andere davon halten. Gleichzeitig lernte Alexandra aber auch: "Was zu anderen passt, muss deswegen noch lange nicht zu mir passen."

Die Psychologin Gertraud Finger schreibt in ihrem Buch "Auch Mütter dürfen Nein sagen": "Die Entschlossenheit der Mutter und die Reibung zwischen den Normen der Gesellschaft und der Lebensweise der geliebten Mutter kann die Tochter früher reifen lassen." Aber sind manche Mädchen damit nicht überfordert, vor allem, wenn es beim "Anderssein" der Mutter um weitreichendere Themen geht als um ein Faible für ausgefallene Kleidung?

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  • Text: Jeanette Villachica
    BRIGITTE woman 12/12
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