Die leibliche Mutter
BRIGITTE-woman.de: Wann haben Sie von Ihrer Herkunft erfahren?
Joachim Held: Mit 16. Dass ich adoptiert bin, wusste ich schon vorher, ich war ja die ersten fünf Jahre meines Lebens im Kinderheim. Doch als Kind hat es mich nie interessiert, woher ich komme, von wem ich vielleicht bestimmte Eigenschaften geerbt habe. Erst in der Pubertät wollte ich mehr darüber wissen und habe meine Mutter gefragt ...
BRIGITTE-woman.de: ... die Ihnen eröffnete, dass Ihre leibliche Mutter eine Prinzessin von Anhalt war. Wie haben Sie das aufgenommen?
Joachim Held: Es war ein Schock für mich. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass eine Frau, die aus so hohem Hause stammt, ihr Kind weggibt.
BRIGITTE-woman.de: Waren Sie nicht neugierig auf Ihre adlige Familie?
Joachim Held: Ich wollte erst einmal nichts von ihr wissen. Meine Mutter hat versucht, um mein Verständnis zu werben und mir erklärt, dass meine leibliche Mutter damals wahrscheinlich keine andere Wahl hatte. Sie war zwar verheiratet, aber ich war das Kind eines anderen Mannes, und in ihren Kreisen war das ein Skandal. Mich interessierten diese Informationen nicht, ich blieb bei meiner Meinung.
BRIGITTE-woman.de: Inzwischen sind Sie ein bekannter Musiker. Sie haben sich als Lautenist einen Namen gemacht, geben Konzerte, haben Solo-CDs herausgebracht und den "Echo Klassik"-Preis gewonnen. Hat sich in den ganzen Jahren nie ein Verwandter bei Ihnen gemeldet?
„Dass es herausgekommen ist, war Zufall.“
Joachim Held: Es wusste ja niemand, wo ich bin und wie ich jetzt heiße. Dass es dann sozusagen herausgekommen ist, war ein gerade unglaublicher Zufall. Vor einigen Jahren hat der Bayerische Rundfunk einen Film über meine Mutter Ruth Held gedreht. Sie hat als Schülerin in der NS-Zeit unter Lebensgefahr Zwangsarbeitern und verfolgten Juden geholfen. Vor allem darum sollte es ursprünglich in dem Film gehen. Die Redaktion war dann aber fasziniert davon, dass Ruth Held später gegen alle Widerstände als allein stehende Frau ein Kind adoptiert hat. So wurde dies zum zentralen Thema des Films. Er heißt: "...viel mehr als eine Mutter". Kurze Zeit nach der Sendung hat sich mein Halbbruder, der älteste Sohn meines Vaters, bei der Regisseurin gemeldet. Seine Tochter hatte den Film gesehen und die Familienähnlichkeit erkannt.
BRIGITTE-woman.de: Seitdem haben Sie einen Bruder.
Joachim Held: Das ist vielleicht das größte Wunder an der Geschichte. Ich bin sofort zu ihm gefahren. Zum ersten Mal in meinem Leben bin ich einem Menschen begegnet, der mit mir blutsverwandt ist – und er ist mir heute sehr wichtig.
BRIGITTE-woman.de: Damit hatten Sie Ihre Familie wieder gefunden, aber Ihre Eltern waren beide bereits tot. Und Sie haben erst im Nachhinein erfahren, dass Ihre leibliche Mutter sich gelegentlich nach Ihnen erkundigt hat. Nehmen Sie es Ihrer Adoptivmutter manchmal übel, dass Sie Ihnen diese Kontakte verschwiegen hat? Vielleicht hätten Sie Ihre leibliche Mutter nicht so entschieden abgelehnt, wenn Sie davon gewusst hätten.
Joachim Held: Übelnehmen wäre zu viel gesagt. Ich hätte es schön gefunden, wenn ich mich unvoreingenommen hätte entscheiden können. Andererseits kann ich verstehen, dass meine Adoptivmutter so eine Begegnung lieber vermeiden wollte.











