...als ob ich Luft wäre

Funkstille: Wenn Kinder ihre Eltern verstoßen

Radikale Funkstille zwischen Kindern und Eltern - ein Drama für beide Seiten. Alle fühlen sich schuldig, und trotzdem können sie nicht anders.

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"Wenn du jetzt gehst, brauchst du gar nicht mehr wiederzukommen" war der letzte Satz, den Elena Sänger* von ihrer Mutter hörte, als sie ein paar Monate nach dem Abitur Kleidung und Bücher in ihr Auto lud, um in eine kleine Wohnung im 20 Kilometer entfernten Bonn zu ziehen. Es war Februar und kalt, sie hatte die ganze Nacht nicht geschlafen und zitterte. Aber was hatte sie denn anderes von ihren Eltern erwartet? Dass sie Hurra rufen würden? Wenn es nach der Mutter gegangen wäre, hätte Elena Sänger eine Lehre gemacht und wäre bis zu ihrer Hochzeit zu Hause geblieben. Auch wenn dort nur Zank und Streit herrschten. Erst am Abend vor ihrem Auszug hatte sie den Eltern reinen Wein eingeschenkt. "Wenn ich vorher etwas gesagt hätte, hätten sie mich wahrscheinlich umgebracht", sagt die 50-jährige Galeristin heute mit einer weichen Stimme, die gar nicht bitter klingt, auch wenn alles "so bitter" war. Nichts war erlaubt, alles verboten, als sie jung war. Auf Wünsche reagierte die Mutter mit Vorwürfen, Abwertung oder Gleichgültigkeit. Die Tochter zog sich dann zurück, suchte aber von sich aus immer wieder die Versöhnung mit den Eltern. Bis sie vor zwei Jahren den Kontakt endgültig abbrach.

Rosi Berg* hat eine Trennung aus der anderen, aus der Mutter-Perspektive erlebt. "Meine Tochter und ich waren immer ein Herz und eine Seele", erzählt sie, "wie Freundinnen." Nachdem die 58-jährige Geschäftsfrau jedoch vor fünf Jahren versucht hatte, sie mit einem wohlhabenden Mann zusammenzubringen, verabschiedete sich ihre Tochter aus dem Leben der Mutter. Abrupt und ohne Vorankündigung. Die Einmischung sei ein Fehler gewesen, sagt Rosi Berg, es tue ihr leid. Viele Tränen habe sie deswegen schon vergossen. Aber war ihre "Kuppelei" wirklich der einzige Grund für die Trennung?

Rubin Enciso* war 16, als ihn seine Mutter aufforderte, seine Sachen zu packen und auszuziehen. Der Junge wusste nicht, wohin, und blieb, mehr geduldet als erwünscht. Nie hatte er das Gefühl, seiner Mutter etwas zu bedeuten. Dass sich sein kolumbianischer Vater durch einen Suizid aus dem Leben gestohlen hatte, dass eine neue Beziehung der Mutter gescheitert war, dass das Geld nicht reichte - Rubin Enciso, das schwierige Kind, war schuld. Für ihr gesamtes Unglück machte die Mutter ihren Sohn verantwortlich, Liebe, Geborgenheit und Anerkennung hingegen blieb sie ihm schuldig.

Dass Kinder im Erwachsenenalter den Kontakt zu ihren Eltern völlig abbrechen, hat die Wucht einer griechischen Tragödie, und obendrein ist es ein Tabu. Wer mag seinen Freunden schon sagen, dass die Tochter oder der Sohn auf Distanz gegangen sind? Oder dass die Eltern nichts von unserem Leben wissen? Die einzige Verbindung scheinen Schuldgefühle, Wut und Trauer zu sein. "Müssen wir unseren Eltern nicht dankbar sein für das, was sie für uns getan haben?", fragen sich die Kinder. Während sich die Eltern rechtfertigen: "Wir haben es doch nur gut gemeint und getan, was wir konnten." "Und genau das kann leider verdammt falsch gewesen sein", sagt die Schweizer Psychotherapeutin Katharina Ley. Kinder müssen sich von ihrem Elternhaus abnabeln. Besser im Guten als im Schlechten. Aber manchmal steht die impulsive, endgültige Trennung am Ende eines langen schmerzhaften Prozesses. Gründe dafür gibt es viele. "In manchen Familien sind Kinder sehr lange Opfer", sagt Ley. Sie wollen nicht länger leiden. Denn auch ohne offensichtlichen Missbrauch können schlimme Verletzungen, Übergriffe und Kränkungen in der Vergangenheit vorgekommen sein. Für die Eltern unabsichtlich, für die Kinder prägend.

* Namen von der Redaktion geändert

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  • Text: Marianne Mösle
    Fotos: Getty/McKenzie
    Ein Artikel aus BRIGITTE WOMAN 11/11
Letzte Kommentare
  • Fisch
    am 13.04.12 um 10:42
    Unsere Tochter hat vor etwar 3Jh.den Kontakt abgebrochen.Mein mann und ich sind sehr traurig darüber und man sucht nach Fragen.Warum?Es folgte ein langer Brief,mit vielen Vorwürfen,taten sehr weh.Wir hatten bis heut keine Chance darüber mit ihr zu sprechen oder schreiben.Unsere jüngste Tochter hat Kontakt telefon.Jüngste Tochter war als Baby sehr krank und ich war mehrere Jahre zu Hause und hatte die Arbeit aufgegeben.Sicherlich hat man dann ein besonderes Augenmerk für das kr.Kind.Doch wir haben uns sehr bemüht,dass alles so einigermaßen klappt.Wir denken,dass sie sich dadurch vernachläßigt gefühlt hat.Unsere Jüngste 16 teilt uns die Telefon.nur noch selten mit,da sie uns nicht kränken möchte.Da kommen dann soche Sätze wie"Na,was macht das Hororhaus"Trotz alledem halten wir den Kopf hoch und sagen uns,dass sie vieleicht eines Tages alles anders sehen wird und vieleicht versteht.Ich werde als Mutter immer warten auf ein Zeichen.Vieleicht erhalten wir eine 2 Chance.
  • Kathi
    am 22.03.12 um 17:38
    Auch ich überlege, nach 40 leidvollen und lieblosen Jahren, den Kontakt zu meinen Eltern endgültig abzubrechen. Meine Eltern haben alles getan, um in mir jegliches warme und liebevolle Gefühl zu zerstören. Ich habe mich lange bemüht, sie zu lieben, aber sie lehnen meine Liebe ab. Sie mauern, lassen mich nicht an sich heran. Viele Jahre habe ich bitterlich geweint. Heute will ich nicht mehr weinen. Ich wünsche mir eine Ersatz-Familie, wo ich Liebe und Geborgenheit finden kann.
  • Christine Vesper
    am 23.01.12 um 11:04
    Für mich war es immer klar, ich war verheiratet und meine Familie und unser Geschäft geht vor. Ich war so sicher, Scheidung, böser Streit mit den Kindern und geschäftlicher Mißerfolg passiert den anderen, mir nicht. Dann kam es Schlag auf Schlag: während seiner REHA nach einem Infarkt lernte mein Exmann die Liebe seines Lebens kennen. Mich hatte eine schwere Depression im Griff und ging 2004 in eine Klinik, um da herauszukommen. Da lernte ich, dass ich besser auf mich aufpassen sollte. Doch trotz aller Mühe ging ich mit dem Geschäft baden, starb meine Mutter und das gemeinsame Haus mußte verkauft werden. Ich wurde wieder depressiv und verlor auch noch meine Arbeit. Doch am schlimmsten Traf mich aber der Kontaktabbruch mit meinen erwachsenen Kindern. Natürlich gibt es hier 2 Steiten und jede Seite hat bestimmt recht. 6 Jahre habe ich absolut alleine gelebt und erst dann meinen jetzigen Lebensgefährten kennengelernt. Doch ich möchte jetzt nach 4 Jahren wieder Kontakt mit den
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