Lateralsklerose

Die Heidi-Connection

Sie ist schwer krank. Sie kann nicht mehr sprechen, ihr Bett nicht mehr verlassen. Aber sie hat viele Menschen, deren helfende Hände sich liebevoll um sie kümmern. Freunde fürs Leben - und fürs Sterben.

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Ein Bild aus einer fernen Zeit: 2003, als ihr Lebensgefährte Klaus dieses Foto gemacht hat, war Heidi noch gesund und unternehmungslustig.

Es ist einer dieser Tage, an denen das Leben nur aus Leichtigkeit zu bestehen scheint. Aus Sonne, Lachen und Erdbeerbowle. Die Stimmung in der alten Hildesheimer Villa könnte nicht besser sein. 16 Menschen reden munter durcheinander, erzählen von Kindern und Enkeln und tauschen Erdbeer-Rezepte aus. Die Gastgeberin ist zufrieden. Genau so hatte sie sich dieses Erdbeerfest gewünscht. Als Dankeschön für ihre Freunde. Aufrecht sitzt sie mit sorgfältig nach hinten geföhnten schulterlangen Haaren in ihrem Rollstuhl und strahlt in die fröhliche Runde. Wie schön, dass sich alle so gut verstehen. Alle, denen sie so viel zu verdanken hat.

Zweieinhalb Jahre funktioniert sie jetzt schon, die "Heidi-Connection", wie alle dieses Netzwerk scherzhaft nennen. Ein Netzwerk aus lieben Menschen, die eines verbindet: die Sorge um die Frau im Rollstuhl, um Heidi. Ihren Nachnamen möchte Heidi nicht genannt haben, aus Angst, jemand könnte ihre Situation ausnutzen. Die 67-Jährige leidet an amyotropher Lateralsklerose, ALS, einer Nervenkrankheit, bei der die für die Motorik zuständigen Zellen in Gehirn und Rückenmark nach und nach absterben. Die Muskeln verkümmern, Lähmung breitet sich aus, irgendwann versagt die At mung. Dass die frühere Buchhändlerin trotzdem zu Hause leben kann, verdankt sie allein ihren Freunden.

"Ich hätte kein gutes Gewissen, wenn ich nicht helfen würde", sagt Renate, 75. Seit über 40 Jahren ist die ehemalige Krankenschwester mit Heidi befreundet. Noch heute erinnert sie sich gut an den Eindruck, den sie von ihr hatte, als sie das erste Mal ein Buch bei ihr kaufte: Groß war sie, elegant und unheimlich belesen. Früher wohnten die beiden Frauen im gleichen Stadtteil, gingen gemeinsam mit ihren Kinderwagen spazieren. Später feierten sie regelmäßig mit anderen Paaren ihre Geburtstage, trafen sich zum Doppelkopf-Spielen und fuhren zusammen in den Urlaub. "Wir waren eine tolle Truppe", sagt Renate in leicht sächsischem Tonfall. Bis heute hat diese Verbindung gehalten. Als sie von der schweren Krankheit erfuhren, war für die Freunde klar: Wir sind für Heidi da.

Seit über 40 Jahren ist Renate mit Heidi befreundet. Klar, dass die ehemalige Krankenschwester sich von Anfang an um sie kümmerte.

"Im ersten Jahr war es ihr engster Freundeskreis, der sich um sie kümmerte", sagt Renate. Je mehr Heidi auf Hilfe angewiesen war, desto mehr Helfer kamen dazu. Jeder trägt sich selbst in einen Plan ein, den Tochter Sandra kontrolliert. Fällt jemand aus, organisiert sie Ersatz oder springt selbst ein. Vier bis fünf Helfer pro Tag kochen für Heidi, helfen ihr beim Essen, lesen ihr vor oder sind einfach nur da, leisten ihr Gesellschaft. Freunde, Bekannte, Nachbarinnen, ehemalige Kolleginnen, frühere Kundinnen. Zusammen mit den beiden Töchtern, dem Schwiegersohn und Heidis Lebensgefährten sorgen sie dafür, dass die Kranke gut betreut ist. Nahezu rund um die Uhr, Tag für Tag. Und beweisen ihr so, dass ihre Freundschaft der Krankheit standhält.

Knapp zwei Jahre sind seit dem Erdbeerfest vergangen. Viel hat sich seitdem verändert. Schon seit Monaten liegt Heidi fast nur noch im Bett. Allein aufrichten kann sie sich nicht mehr oder sich an der Nase kratzen. Die Lähmung der Zunge lässt ihre Worte verschwimmen, zum Sprechen braucht sie inzwischen einen Sprachcomputer. An der Hilfe ihrer Freunde hat das nichts geändert. Nach wie vor sind sie gern bereit, Heidi jederzeit beizustehen, ihr Mitgefühl entgegenzubringen und ihr dabei zu helfen, ihre schwere Krankheit zu ertragen. Selbstlose Freundschaftsbeweise in einer Zeit, in der oft Gleichgültigkeit, Kälte und Egoismus vorherrschen.

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  • Text: Kristina Gärtner
    Fotos: Silke Schulze-Gattermann, privat
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