Ein Altenheim für Musiker

Das Altenheim Casa Verdi in Mailand: "Grazie, Giuseppe!"

Für die, die in der Mailänder Casa Verdi leben, ist sie das größte Werk des Komponisten. Ein Altersheim für verarmte Musiker, gestiftet vom Maestro persönlich. Das Paradies aus Museum und Konzertsaal wird für betagte Diven und Dirigenten, Tänzer und Agenten zur großen Bühne der Erinnerungen. Jetzt kommt Dustin Hoffmanns Regiedebüt in Kino, welches das Altenheim zum Thema hat.

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Am Empfang sitzt ein gestrenges Fräulein Rottenberg, das uns nur zähneknirschend einlässt. Schließlich verirren sich immer wieder Passanten in die Casa Verdi. Woran die Empfangsdame im Übrigen nicht ganz unschuldig ist, denn sie liebt ihren Verdi so laut, dass er den von der Piazza hereindringenden Verkehrslärm übertönt. Angelockt vom Klang der Traviata "Oh, lass uns fliegen aus diesen Mauern, lass in schön're Auen uns ziehen" stehen plötzlich Fremde im Foyer und bitten verlegen, Verdis Grab in der Krypta besuchen zu dürfen!

Resigniert drückt sie schließlich auf einen Knopf, die altmodischen Flügeltüren springen auf wie von Geisterhand gezogen, und wir stehen in der Eingangshalle, neben den Büsten und marmornen Tafeln der Stifter: Vladimir Horowitz, Irma Colasanti, Pläcido Domingo. Ein alter Herr mit einem Packen Briefe in der Hand nähert sich und zischelt uns zu: "Am liebsten würde sie überhaupt niemanden einlassen!" Dabei ist die Casa Verdi für Mailand eine Institution wie die Scala, das Opernhaus. Jeder weiß, dass dieses Gebäude mit seinen neugotischen Bögen ein Altersheim für Musiker ist - gestiftet von Giuseppe Verdi. Im Jahr 1900 ließ der große Komponist es für bedürftige Musiker erbauen und verfügte in seinem Testament nicht nur, hier an der Seite seiner letzten Ehefrau Giuseppina Strepponi begraben zu werden, sondern auch, der Casa Verdi die Tantiemen seiner Werke zu hinterlassen.

Die 52 Bewohner zahlen, was sie erübrigen können, 50 Euro oder ein ganzes Haus

Aus der Ferne dringen Klavierakkorde, Tonleiterübungen eines Koloratursoprans und Fetzen von Macbeth: "Wohlan denn, entsteigt dem Abgrund, ihr Dämonen!" Die Sopranistin Lina Vasta erteilt gerade Gesangsunterricht. Paolo, ihr heutiger Schüler, ist ein junger Schauspieler und begnadeter Stimmenimitator. Er deutet nur einen Ton an, schon schwebt die Tebaldi über uns, Gott habe sie selig, er pumpt sich zu Luciano Pavarotti auf, haucht wie Louis Armstrong, und seine Lehrerin windet sich vor Lachen.

Lina Vasta betrachtet die Welt durch eine veilchenfarbene Schmetterlingsbrille. An ihrem Revers hängt ein Notenschlüssel wie ein winziger Orden. Sie ist mit ihren 73 Jahren eine der jüngsten Bewohnerinnen der Casa Verdi und dennoch diejenige, die am längsten hier wohnt. Vor 20 Jahren zog sie mit ihrem Mann ein, einem Dirigenten, der 30 Jahre älter war und eifersüchtig bis zum letzten Atemzug. Mehr als einmal habe er im Publikum gesessen und ihr während des Auftritts eine Szene gemacht. "Wissen Sie", sagt Lina Vasta, ohne ihre Augen von der Tastatur des Klaviers zu heben, "es war nicht nur Eifersucht auf mich als Frau. Es war auch Eifersucht auf mein Talent." Dann lächelt sie ganz fein und spöttisch. Bald nach dem Umzug in die Casa Verdi starb ihr Mann. Da war Lina Vasta zwar erst 53 Jahre alt, aber sie blieb in der Casa Verdi: "Schließlich lebe ich hier wie einem Hotel!" Sie geht immer noch viel aus, regelmäßig in die Scala, wenngleich sie für deren Dirigenten Riccardo Muti nicht viel übrig hat: "Ein Taktschläger! Er benutzt Sänger wie Instrumente, er versteht nicht, dass jeder Sänger eine Persönlichkeit hat! Musik muss Gefühle auslösen, Musik ist Tragik!" Paolo, ihr Schüler, blickt sie an, suchend und ganz leicht berührt. Und dann sagt sie: "Man muss sich geben in der Musik!"

Heute leben in der Casa Verdi 52 Primadonnen, Tenöre, Chorsängerinnen, Dirigenten. 52 Künstler, für die das Leben mit der Musik göttlicher Auftrag war, Erweckungserlebnis und Broterwerb zugleich, 52 Erwählte, viele mit glanzvoller Vergangenheit, manche mit Pensionsanspruch, alle mit Leidenschaft.

Immer noch eine gute Haltung: Marisa Cernitori war Balletttänzerin

Immer noch eine gute Haltung: Marisa Cernitori war Balletttänzerin

Als Aufnahmebedingung für die Casa Verdi reicht der Nachweis über eine hauptberufliche Tätigkeit im Musikbereich, die italienische Staatsangehörigkeit und die Fähigkeit, sich bei Eintritt in die Casa Verdi noch selbst versorgen zu können. Für spätere Bedürftigkeit gibt es eine Pflegestation im Erdgeschoss. Bezahlt wird das, was erübrigt werden kann. Das können 50 Euro pro Monat sein oder ein ganzes Haus - seit dem Ausbleiben der Tantiemen ist die Casa Verdi eine Stiftung, die sich durch Spenden finanziert. Der Herr, der gerade seine Post am Empfang abgeholt hat, heißt Luigi La Pegna und ist ebenfalls seit langem Gast in der Casa Verdi - man legt hier Wert auf das Wort Gast, weil Gast nach Hotel klingt und Bewohner zu sehr nach Altersheim. Signor La Pegna schiebt seine Füße, die seinen Befehlen nur noch mit einiger Verzögerung gehorchen, über den Marmorboden am Übungssaal vorbei. Vorbei an der Raucherecke, in der niemand raucht, vorbei an dem Bastelsaal, in dem unter Anleitung von Signora Titti, einer ehrenamtlichen Papierblumendekorateurin, aus Krepppapier Blumengestecke gefertigt werden - etwas, für das Signor La Pegna überhaupt keine Zeit hat.

Täglich kommen 20 E-Mails an, Anfragen aus der ganzen Welt, denn Luigi La Pegna betreibt aus seinem lindgrün gestrichenen Zimmer eine Konzertagentur. Er ist 84 Jahre alt und vor acht Jahren in die Casa Verdi gezogen. Sein Büro quillt über von Papierstapeln, aufgetürmten CDs und vergilbten Auftrittsplakaten seiner Künstler - der indische Musiker Ravi Shankar, die weißrussische Geigerin Anastasia: "Ein Wunder! Hier hat sie gespielt, in der Tür stehend! Ein echtes Wunder!", schwärmt Signor La Pegna, der gerade etwas sucht unter seinem Berg von Notizzetteln, Zeitungsausschnitten und Programmheften, er schiebt und sortiert und räumt, bis er schließlich ein verstaubtes Faxgerät ausgräbt, das röchelnd eine Seite ausstößt.

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  • BRIGITTE woman 02/2005
    Text: Petra Reski
    Fotos: Antonina Gern
BRIGITTE WOMAN
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