Freundschaft

Wenn Geld plötzlich ein Thema wird

Bei BRIGITTE WOMAN-Autorin Evelyn Holst und ihren Freundinnen war Geld plötzlich ein Thema. Wie drohende Armut Freundschaften verändern kann.

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Doris druckst herum.

Meine Freundin Marion hatte ihre drei besten Freundinnen gebeten, ihren 50. Geburtstag zu organisieren. "Keine Geschenke, überrascht mich", bat sie uns, "lenkt mich einfach nur vom Trübsinn meines Alters ab." Marion ist eine gute, sehr großzügige Freundin, auf deren mallorquinischer Finca wir so manchen Kurzurlaub verbracht haben, wir wollten uns also gern erkenntlich zeigen. "Wie wäre es mit einem Konzert in Berlin und dann eine Übernachtung im ,Adlon'", schlägt Uschi vor, "ich kenne die PR-Frau, vielleicht bekommen wir einen Sonderpreis." Klingt trotzdem teuer, finde ich, aber zum 50. soll man es ruhig mal krachen lassen. "Genau, für unsere Marion nur das Beste!", ruft Inka. Wir lachen, telefonieren, organisieren, haben Spaß. Nur Doris, die Vierte im Bunde, hört schweigend zu. Drei Tage später sagt sie ab, murmelt etwas von einem wichtigen familiären Termin, den sie leider, leider vergessen habe.

Den Geburtstag in Berlin feiern wir ohne sie. Etwas verstimmt, weil unser Anteil so natürlich größer war, aber ohne Argwohn. Doch als Doris kurz darauf unseren alljährlichen Skiurlaub mit der Begründung "Ich bin zu alt, um mir die Knochen zu brechen" ebenfalls absagt, haben wir das ungemütliche Gefühl, dass sie uns etwas verschweigt.

Da sie mir wichtig ist, frage ich sie, was eigentlich los sei. "Was soll sein?", wehrt sie ab. Ich insistiere. Sie druckst. Ich lasse nicht locker.

Geld war nie ein Thema zwischen uns

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"Ich kann einfach nicht mehr mit euch Schritt halten", sagt sie schließlich, "ich hab das Geld nicht mehr. Ich passe nicht mehr zu euch."

Ich gestehe, dass ich schockiert bin. Und sich in dem Moment etwas zwischen uns ändert. Fast so, als hätte sie mir von einer schlimmen Krankheit erzählt. Natürlich weiß ich, dass sie als freie Kameraassistentin in den letzten Jahren um jeden Job kämpfen musste, dass es ihr schwerfiel, ihrer ältesten Tochter als Alleinerziehende die teure Kunstschule in London zu finanzieren. Erst kürzlich hatte sie mir beim Italiener von dem Ärger mit ihrer Krankenkasse erzählt. "352 Euro bezahle ich im Monat, und dann ist noch nicht mal eine neue Brille drin", hatte sie geschimpft, und ich hatte ein leicht gelangweiltes "Ich bezahl über 500" eingeworfen. Eine Bemerkung, die mir jetzt leidtut. Wie arrogant das in ihren Ohren wohl geklungen haben musste.

Geld war nie ein Thema zwischen uns gewesen, und dass es plötzlich eins war, berührte mich unangenehm. Offensichtlich hatten wir uns emotional und finanziell in den letzten Jahren auseinanderentwickelt, ohne dass mir, der "guten" Freundin, etwas aufgefallen war.

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  • Text: Evelyn Holst
    Foto: Photocase
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