Dürfte ich das Unwort des Jahres wählen, müsste ich nicht lange überlegen. Ich würde mich für "Stress" entscheiden. Am liebsten würde ich die Benutzung dieses Wortes sogar ganz verbieten. Ich kann es einfach nicht mehr hören! Egal, ob sich Gespräche um Arbeit, Freizeit, Familien- oder Liebesleben drehen - alles ist stressig. Selbst angenehme Dinge bedeuten für viele Hektik, Zeitmangel und Atemnot. Stress ist zu einer wahren Epidemie geworden. Manchmal frage ich mich, woher das kommt: Sind gestresste Menschen wirklich so überlastet oder nur nicht in der Lage, ihren Tagesablauf so zu strukturieren, dass genügend Raum zum Luftholen bleibt? Aber vor allem: Warum können sie die Folgen ihrer mangelhaften Organisation nicht für sich behalten? Denn leider ist Stress oft ansteckend. Sobald jemand darüber stöhnt, welche Widrigkeiten sich das Leben ihm gegenüber wieder erlaubt hat, werde ich in den Strudel von Hektik und Getriebensein hineingezogen. Ich bin genervt, selbst wenn ich gerade noch entspannt und zufrieden war.
„Meine Großmutter klagte nie über Stress.“
Das Stressvirus ist übergesprungen, ohne dass derjenige, der seine Überforderung wie ein Mantra vor sich hin spricht, sich selbst etwas Gutes damit tut. Denn durch solche Gespräche fühlen sich alle Beteiligten nur noch gestresster, wie Studien längst gezeigt haben. Wie kann ein kleines Wort uns so den Alltag vermiesen? Wie kommt es, dass diese sechs emotional aufgeladenen Buchstaben heute allgegenwärtig sind? Früher gab es diesen Begriff noch nicht. Meine Großmutter zum Beispiel habe ich nie über Stress klagen gehört. Dabei hatte sie sicher kein leichtes Leben. Nach dem Krieg war sie alleinerziehend, arbeitete im Drei-Schichten-System in einem Kinderheim und besaß weder Mikrowelle noch vollautomatische Waschmaschine. Gründe zu jammern hätte es also genug gegeben. Aber offenbar kam damals niemand auf die Idee, ständig seine persönliche Belastung zum Gesprächsthema zu machen.
Diese allgemeine Zurückhaltung änderte sich schlagartig, nachdem 1950 ein Buch mit dem Titel "Stress" erschien. Erstmals tauchte das Wort in den Medien auf. Es gab Radioreportagen und Zeitungsberichte darüber, und plötzlich wurde es richtiggehend schick, "gestresst" zu sein. Eingebrockt hat uns diesen Begriff, der seitdem unser ganzes Leben verändert hat, Professor Hans Selye, ein Mediziner und Hormonforscher aus Montreal. Jahrelang hatte er die Mechanismen untersucht, mit denen sich unser Körper an innere und äußere Veränderungen anpasst. Bereits 1936 beschrieb er in der Zeitschrift "Nature" eine "Alarmreaktion" des Körpers auf Reize, die lebenswichtige Funktionen wie Blutdruck und Temperatur aus der Balance bringen. Ein ganz normaler Vorgang, über den man sich keine Sorgen machen müsste. Nur wenn die Reize, die Anforderungen an den Körper, nicht endeten, so der Wissenschaftler, würden sie irgendwann zu Überforderungen. Dann liefe unser Organismus ständig auf Hochtouren, was irgendwann zu Problemen führen könnte.
Mit der Zeit suchte Prof. Selye nach einem griffigeren Ausdruck für dieses Phänomen. Böse Zungen behaupteten, er sei als gebürtiger Österreicher des Englischen nicht bis ins Detail mächtig gewesen, weshalb er sich das Wort "stress" mehr oder weniger zufällig bei Physikerkollegen "lieh", die damit "mechanische Spannung" beschrieben. Ich vermute jedoch, er hat diesen technischen Begriff ganz bewusst gewählt. Schließlich stehen wir bei Belastung eindeutig "unter Druck". Außerdem ist ein einziger kurzer Vokal, eingequetscht zwischen fünf Konsonanten, für mich eine absolut treffende Lautmalerei für diesen angespannten Zustand. Wie auch immer: Als sein Stress-Buch erschien, wurde er über Nacht mit seiner Theorie berühmt. Fast war es so, als ob die ganze Welt darauf gewartet hätte. Nun gab es eine offizielle Legitimation dafür, über das eigene Unwohlsein zu reden!












