Nennen wir sie Jana. Morgens auf dem Weg zur Arbeit dröhnt ihr der iPod des Nachbarn ins Ohr. Duf-dum-duf-duf. Zwei Stunden später knallt ihr der Chef Unterlagen auf den Tisch. Die müsse sie ändern. "Wieso muss man hier eigentlich alles selbst machen?" Zu Hause erwartet Jana ein Pubertierender, der wortlos in seinem Zimmer verschwindet, und eine Neunjährige, die findet, dass ihre Mama heute "voll fertig" aussieht. Als Jana später zum Essen ruft, rührt sich niemand. Genervt geht sie zum Sport. Beim Volleyball-Spiel blockt sie den Ball der Gegner erfolgreich. Punkt. Ihre Teamkollegin klatscht sie ab: "Respekt!" – endlich!
Jana und ihr Tag sind erfunden. Aber wir alle kennen solche Tage. Denn sobald wir mit anderen zu tun haben, geht es um Respekt. Als besäßen wir ein inneres "Respektometer", spüren wir in den banalsten Alltagshandlungen, wenn uns jemand den Respekt versagt: wenn Passanten auf dem Gehweg drängeln, unsere Arbeitskollegin ungefragt unseren Rechner nutzt oder unser Liebster seine Bierflaschen im Wohnzimmer stehen lässt. Im Grunde sind das Kleinigkeiten. Aber sie gewinnen an Bedeutung, weil sie unseren Sinn für Respekt verletzen.
Respekt bedeutet Rücksicht
Respekt ist so wichtig, weil er ein zwischenmenschliches Miteinander erst möglich macht. Er ist die Achtung füreinander. Im Respekt erkennen wir den anderen an: mit Hochachtung für seine Leistungen. Mit Furcht und Scheu für sein Amt und seine Funktion wie gegenüber Polizisten oder Chefärzten. Am bedeutungsvollsten ist für uns aber der grundsätzliche Respekt voreinander. Wie der Soziologe Richard Sennett schreibt, fußt unsere "Gesellschaft auf dem Grundgedanken, dass wir gegenseitigen Respekt bekunden, indem wir einander als gleich behandeln".
„Wahre Gentlemen sind heute so selten wie frei lebende Berggorillas.“
Das Wort Respekt stammt aus dem Lateinischen und bedeutet übersetzt "Rücksicht". Wenn wir uns respektvoll verhalten, schauen wir hinter uns, auf das, was wir zurücklassen. Respekt führt deshalb zu Vorsicht. Wir begegnen einander zurückhaltend, höflich, distanziert. Wie ein klassischer englischer Gentleman, dessen Grundsatz es ist, niemals etwas zu tun, was die Gefühle eines anderen verletzen könnte. Doch wahre Gentlemen sind heute so selten wie frei lebende Berggorillas. Und obwohl wir nicht mehr scharf sind auf Handküsse, ist uns doch Respekt in Form von Anstand und gutem Benehmen wieder wichtig geworden. Und zwar so sehr, dass Etikette-Ratgeber auf den Bestsellerlisten landen und Benimm-Seminare regen Zulauf bekommen.













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Liebe Grüße
Mudder