Eigentlich bin ich noch fit. Zwar ist meine Treppe an manchen Tagen steiler und länger. Aber ich komme sie immer noch ohne Hilfe hoch. Und meine Brille, die ich ständig suche, habe ich noch nie im Kühlschrank wiedergefunden. Ich langweile mich nicht allein vor dem Fernseher, sondern gehe unter Menschen oder lade mir welche ein. Aber: Ich bin über 70, und die Frage "Was ist, wenn ich mal ein Pflegefall werde?" sollte man nicht seinen Kindern aufbürden, finde ich.
Wohnen im Alter kann wunderbar sein: in schöner Umgebung, selbstbestimmt, und sobald es nötig wird, liebevoll betreut und umsorgt. Soweit die Prospekte der "Seniorenwohnanlagen" und "Seniorenresidenzen", die ich mir habe kommen lassen. Hochglanzfotos zeigen quietschfidele sportliche Senioren in einem parkähnlichen Gelände, die sich des Lebens freuen. Das will ich mir aus der Nähe ansehen. Probeweise - versteht sich.
Erster Versuch: klein, billig, gemütlich
"Wo bleibe ich, wenn ich mal alt bin und nicht mehr arbeiten kann?" Das war für alleinstehende Frauen ohne Vermögen bis ins 20. Jahrhundert hinein ein Problem. Deshalb wurden speziell für diese Frauen Stiftshäuser gegründet, von denen einige bis heute in Betrieb sind: Puppenhäuser mit Garten, alte Villen mit Türmchen, Erkern und Loggien, ein Stadtpalais. Sie bieten sehr kleine Wohnungen für geringe Mieten, aber keinerlei Betreuung. Dafür Charme. Das weinberankte Stift mitten in Hamburg, in dem ich mich zum Besuch angemeldet habe, sieht aus wie ein englisches College.
Je zwei Wohnungen teilen sich einen Eingang. Unten leben alte Damen, darüber Studenten, zum Teil mit Familie. "Wir sind nicht wirklich eine Wohngemeinschaft", sagt eine noch tätige Journalistin. "Dafür ist unser Lebensrhythmus zu verschieden. Aber ich finde es schön, dass manchmal junge Leute auf dem Rasen sitzen, dass man Kinder sieht und Fahrräder." Ich könnte hier reinpassen, vorausgesetzt, ich würde mich von einem Großteil meines Haushalts trennen. Schade nur, dass das alte Haus ziemlich kalt ist. Das wäre schon jetzt nichts mehr für mich.
Zweiter Versuch: immer gut betreut
Es könnte ein ganz normales Wohnviertel sein - wären da nicht das Warnschild "Senioren" und die Tafel mit den Gottesdienst-Zeiten. Diesmal habe ich mir ein kirchliches Wohn- und Pflegeheim ausgesucht. Ein zusammenhängender Komplex aus 13 nüchternen Klinkerbauten mit kleinen Wohnungen, im "Kerngehäuse" die Pflegestation, Therapieräume und Schwimmbad, ein Café, ein kleiner Laden. Drum herum die Appartementhäuser, dazwischen säuberlich gepflegte Rasenflächen. 450 Menschen leben hier. "Lauter Alte!", denke ich Alte.
In den 30 bis 40 Quadratmeter großen Appartements - fast alle mit Balkon - haben die Bewohner so viel von ihrem heimischen Wohnzimmer untergebracht wie nur möglich: Teppich, Polstergarnitur, Fernseher, Geschirrschrank, Zierteller, Grünpflanzen. Kleine Fluchten zurück ins Private. Aber gleich vor der Wohnungstür erinnern die langen Flure an Krankenhaus. Sie sind absolut frei von jedem Gegenstand, der den Putzvorgang bremsen könnte. Und das mir, die ich mich nur in einer gewissen Unordnung wohl fühle? Bestimmt werden alte Menschen hier gut betreut, dafür sprechen Wartezeiten von fast zehn Jahren. Aber für mich wäre das kein Ort.











wir freuen uns über Ihr Interesse an dem Artikel. Leider haben wir jedoch kein weiteres Material. Wir wünschen Ihnen für Ihr Studium alles Gute.
Viele Grüße,
Ihr BRIGITTE-woman.de-Team