Kinder und Job

Geliebtes Doppelleben

Viele berufstätige Mütter haben ein dauerhaft schlechtes Gewissen, weil sie weder 24 Stunden am Tag für ihre Kinder da sind noch für ihren Job. Warum eigentlich?

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Wie mache ich das mit Kind und Arbeit? Geht das überhaupt?" Das haben sich fast alle Mütter irgendwann gefragt. Auch Dagmar Reiß-Fechter. Aber für sie war die Antwort klar: "Das muss gehen." Die Juristin war mitten in ihrer Referendarzeit, als sie zum ersten Mal schwanger wurde.

Jetzt zu Hause bleiben? Mit so einer Ausbildung? "Da hätten doch alle in meiner Umgebung den Kopf geschüttelt." Als Erste ihre Mutter, die eine Kantine leitete und ihrer Tochter das Studium finanziert hatte. Dann die Großmutter, die als Köchin immer ein eigenes Einkommen hatte. Dagmar Reiß- Fechter hat schon in der Kindheit gelernt: Frauen, auch Mütter, gehen zur Arbeit, genau wie die Männer. Das wollte sie genauso: "Meinem Mann habe ich von Anfang an gesagt: Er kriegt mich nur mit meinem Beruf." Mit ihrem Lebensmodell war die heute 54-Jährige in den 70er Jahren eine Exotin. Exotisch wirkte auf viele auch ihr Mann, der mit ihr der Meinung war: Kinderbetreuung ist Sache beider Eltern.

Dagmar Reiß-Fechter (hinten) und ihre Tochter Marthe Glonner mit Lena

Als Fotoreporter arbeitete Hans-Rainer Fechter meist abends, tagsüber kümmerte er sich um die beiden Töchter. Nachmittags half ihm ein Kindermädchen, und am Abend kam seine Frau pünktlich aus dem Büro gespurtet, um ihn abzulösen. Oft war das Maßarbeit auf die Minute. Hinzu kam, dass die junge Mutter anfangs zwischen mehreren Beschäftigungen hin- und herruderte: Neben ihrer Tätigkeit als Referendarin bereitete sie sich auf ihr Staatsexamen vor und war wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Uni. Sogar an den Weihnachtstagen lernte sie für die Klausuren, neben sich den Kinderwagen mit der neugeborenen Tochter Marthe, und unterm Christbaum türmten sich 160 Seminararbeiten zum Korrigieren.

Erst später, mit zwei kleinen Kindern, hat sie sich zum Prinzip gemacht: keine Arbeit mit nach Hause nehmen. Obwohl die Verantwortung immer größer wurde. Die Juristin stieg zur Oberkirchenanwältin auf, dann zur Geschäftsführerin mit 150 Mitarbeitern und 70-Stunden-Arbeitswoche. Aber daheim war sie ausschließlich Mutter. "Sonst verzettelt man sich."

"Was für ein Stress", sagen viele, wenn Dagmar Reiß-Fechter, inzwischen Geschäftsführerin eines Wohnungsbauunternehmens, heute davon erzählt. Stimmt: Der Alltag einer berufstätigen Mutter wird leicht zur Zerreißprobe. Morgens vor dem Job die erste "Schicht" zu Hause: "Schnell, Kinder, wir kommen zu spät." Durch den Arbeitstag jagen und abends vom Büro wieder nach Hause. Nur selten Zeit haben für einen Kneipenabend mit Kolleginnen oder Freundinnen, für Sport, Theater, Lesen. Immer irgendwo gebraucht werden, wo man gerade nicht ist.

Entscheidung für ein Doppelleben: Job und Kinder

Je kleiner die Kinder, desto größer das schlechte Gewissen – gegenüber der Familie genauso wie gegenüber dem Arbeitgeber. Weil niemand gleichzeitig 24-Stunden-Mutter und jederzeit verfügbare Arbeitskraft sein kann. All das verträgt sich nicht mit dem Anspruch vieler Frauen, überall perfekt zu sein. Und was antwortet man auf Fragen und Kommentare wie: "Warum tust du dir das an? Das muss doch die Hölle sein!" "Ach was", sagt Dagmar Reiß- Fechter. Sie würde sich jederzeit wieder für das Doppelleben als Karriere- und Familienfrau entscheiden: "Ich war plötzlich viel lockerer im Job", erinnert sich die 54-Jährige. Ihre Aufgaben nahm sie ernst, aber Konflikte nicht mehr so persönlich. Ihr erster Chef misstraute ihr: "Eine Frau in verantwortungsvoller Position konnte er ohnehin nur schwer ertragen. Und dann noch eine arbeitende Mutter? Das war ihm suspekt." Der Vorgesetzte beäugte jeden Handgriff, fragte hinter ihrem Rücken nach, ob andere mit ihr zufrieden seien.

Sie hat das von sich abprallen lassen: "An meiner Arbeit gab es nichts auszusetzen. Er hatte ein Problem, nicht ich." Und sie hatte ja noch ihr zweites Leben. Manchmal ist sie regelrecht von einem ins andere geflüchtet. Wenn abends ein Geschäftsessen anstand, war sie froh, sich "von den vielen grauen Herren" schnell wieder verabschieden zu können: "Meine Kinder warten zu Hause." Umgekehrt ging sie nur zu gern ins Büro, wenn die Töchter über das Essen, das Wetter oder einfach aus schlechter Laune quengelten.

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  • Text: Nadine Oberhuber
    Fotos: Monika Bürner und Jörg Klaus
Letzte Kommentare
  • lina
    am 11.09.11 um 17:12
    ich frag mich echt, was so schlimm dran ist, sich für die Kinder zu interessieren, die man bekommt.
    Kinder zu erziehen bedeutet nicht nur, mit ihnen schick einen Kaffee trinken zu gehen. Kinder sind auch keine netten Gesprächspartner, die einem wertvolle Tips geben.
    Kinder brauchen zunächst mal Eltern, die für sie da sind. Kinder brauchen Regeln und viel Liebe, damit sie irgendwann lebensfähig werden.
    Ich kenn das, wenn beide Eltern Vollzeit arbeiten und die Mutter abends um 21 Uhr nach Hause kommt, der Vater vollkommen überfordert und genervt ist, weil er nach der Arbeit auch noch die Kinder von der Tagesmutter abholen muss und die Kinder sich jeden Tag nur noch so vorkommen, als wären sie nicht gewollt und fehl am Platz.

    Ich hab ja echt nichts gegen Frauen, die arbeiten.
    Aber bitte dann konzentriert Euch auf Eure Karriere!
    Frauen in Führungspositionen: bin voll dafür!
    Aber ohne Kinder.

  • Michael M.
    am 22.05.11 um 10:17
    Voll arbeiten+Samstag geht nur wenn auch die Betreuungsmöglichkeiten gegeben sind. Und auch da hängt der Osten den Westen gnadenlos ab.
    Man kann nicht die Kinder allein zuhause lassen, und so ein gutes Versorgungsnetz gibt es im Westen nicht.
  • die Nicci
    am 16.05.11 um 12:49
    Sehr schöner Artikel.

    Die Frage, ob die Frau arbeiten muss, stellt sich oft gar nicht, denn die meisten Familien brauchen einfach das Geld.
    Aber oft sind die Jobchancen - gerade in höheren Positionen- schlecht, weil Unternehmen keine Mütter einstellen wollen.
    Nur 36% der Unternehmen wollen Mütter einstellen. (Quelle:http://www.betreutblog.de/2011-05-10-working-mum/)

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