Die Frage traf mich unerwartet. "Wie lange musst du denn noch?", fragte mich eine Mit-Turnerin, mit der ich montagabends im Sportclub "Alpenrose" die Matte teile. Sie meinte nicht etwa: Wie lange musst du noch deine Wohnung abbezahlen? Oder: Wie lange musst du noch zur Krankengymnastik? Nein, sie meinte: Wie lange musst du noch arbeiten? So, als sei Arbeiten eine lästige Pflicht, die man schnell hinter sich bringen will.
Dabei sind wir beide - die Sportskameradin und ich - weit weg vom Rentenalter und gut in Schuss. "Du, ich arbeite gern", sagte ich und merkte gleich: falsche Antwort. Wer punkten will, muss seinen Job schlechtreden. Ätzender Chef, üble Kolleginnen, weiter Arbeitsweg, irgendwas findet sich bestimmt. Immer öfter höre ich, dass Frauen in meinem Alter schon mal ausrechnen, ab wann die Kombination aus Investmentfonds, Lebensversicherung und Rente ausreicht, um die Beine hochzulegen. Sind die eigentlich bescheuert? Ich lebe doch nicht 25 Jahre lang das falsche Leben, nur um dann eine - theoretische - Chance auf Glück zu haben.
„Lebenszeit ist zu schade für Widerwillen.“
Ich bin übrigens auch gern zur Schule gegangen. Auch nicht sexy, weiß schon. Erzähl, dass du mit 14 von der Schule geflogen bist, und du bist cool. Erzähl, dass du eine gute Schülerin warst, und du bist eine Streberin. Forscher wissen längst, dass Mädchen in der Pubertät ihre Leistungen schlechtreden, um bei den Jungs anzukommen. Das Milchmädchen, das nicht rechnen kann, hat leider immer noch bessere Karten als die Siegerin beim Bundeswettbewerb Mathematik. Aber mir war meine Lebenszeit zu schade, um sie mit Widerwillen zu verbringen. Es waren immerhin die fittesten Stunden meines Wachzustands, die ich im Unterricht verbrachte, also konnte ich mich genauso gut beteiligen. Hat sich natürlich bei den Noten bemerkbar gemacht.
Klar, es war nicht alles toll. Wir hatten einen Sportlehrer, der wasserscheue Kinder ins kalte Becken schmiss - auch mich. Später, als der Lehrer aus purer Bösartigkeit einem Mitschüler den Punkt verweigerte, der ihm zur Abi-Zulassung fehlte, organisierten wir Demos, boykottierten den Unterricht. Der Mann wurde versetzt.












