Foto: cydonna / photocase.com
Es gebe da diesen Dialog, sagt Katharina Herzog, den könne sie wirklich nicht mehr hören. "Na, wie geht es denn mit deinen Augen? Wieder besser, oder?" "Nein, eigentlich nicht." "Aber das wird doch wieder, stimmt's?" "Nein, auch das nicht."
Der Dialog findet immer dann statt, wenn Katharina Herzog alte Bekannte trifft, und er endet eigentlich immer in betroffenem Schweigen - oder im Themenwechsel. "Wer will denn schon andauernd Negativ-Nachrichten hören?", sagt die 36-Jährige und klingt sehr nüchtern dabei. Fällt das Licht aus einem bestimmten Winkel auf ihr Gesicht, dann leuchtet die Iris ihres linken Auges metallisch auf. Das ist die künstliche Linse, eingesetzt in einer der zehn Operationen, die hinter Katharina Herzog liegen. Wegen der vielen OPs kann sie mit diesem Auge nur noch vage Umrisse erkennen. Auf dem rechten Auge hat sie eine Sehkraft von 80 Prozent. Doch sie lebt mit der Angst, dass sich auch das jederzeit ändern kann.
Als sie das erste Mal am Auge operiert wird, ist sie 19 Jahre alt.
Nach einer Flugreise hat sie plötzlich dunkle Schatten gesehen; eine Netzhautablösung wird festgestellt. Die Netzhaut ist der Teil im hinteren Auge, wo alle Lichtreize auftreffen, als elektrische Signale ans Gehirn weitergeleitet werden und so ein Bild entstehen lassen. Löst sich die Netzhaut, sieht man erst eine Art dunklen Vorhang und innerhalb weniger Stunden schließlich ganz schwarz. Damals reagieren viele von Katharina Herzogs Freunden mit Aktionismus: besuchen sie im Krankenhaus, bringen Blumen, schenken ihr einen Möhrenentsafter, weil Mohrrüben doch gut für die Augen sind. Im Laufe der Jahre wird es aber dann zum Normalfall, dass Katharina Herzog mal wieder wegen einer Ablösung im Krankenhaus liegt, dass sie Schmerzen hat von den OPs, dem viel zu hohen Augendruck und den brennenden Tropfen, dass sie sich vor jeder Erschütterung ängstigt und deshalb nicht mehr tanzen will, nicht mehr reiten, nicht mehr joggen. Auch, dass sie manchmal in Depressionen versinkt, weil sie nicht mit der Angst umgehen kann, eines Morgens nur noch schwarz zu sehen.
"Nach und nach hat sich mein Freundeskreis neu sortiert", sagt Katharina Herzog. Ihre beste Freundin etwa, die sie seit ihrem sechsten Lebensjahr kannte, rief schon beim ersten Krankenhausaufenthalt nicht einmal an, besuchte sie nicht, fragte nicht nach. "Die wollte sich mit so etwas Belastendem nicht beschäftigen. Das hat mir unheimlich weh getan, da habe ich auch keinen Kontakt mehr gewollt." Früher hat sie vor allem Freunde zum Weggehen und Spaßhaben gesucht. "Mittlerweile will ich über Tiefergehendes reden als abgebrochene Fingernägel oder Haartönungen", sagt Katharina Herzog. "Mein Anspruch an meine Freunde hat sich verändert."







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