Musen

Frauen, die inspirieren

Musen - das sind Frauen, von denen Künstler nicht lassen können. Sie inspirieren, faszinieren und erscheinen irgendwie göttlich. Aber ihre Rolle hat sich geändert.

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London, Soho: Sue Tilley sitzt im Café "Maison Bertaux" und trinkt eine Diet Coke. Sie liebt diesen Teil der Stadt, hier sitzt man dicht gedrängt auf dem Bürgersteig, nah an den Passanten, die kreuz und quer an diesem Samstagvormittag durch Londons angesagtes Viertel laufen. Keiner ist wie der andere, alle haben es eilig. "Ich betrachte wahnsinnig gern Leute", sagt sie und wirft den deutschen Kunsthändlern am Nebentisch ein Lächeln zu. Sue Tilley ist 51, arbeitet als Managerin in einem Jobcenter hier gleich ums Eck, und nebenbei ist sie die bekannteste Muse Englands. Anfang der Neunziger stellte ein Freund sie dem genialen, aber egozentrischen Maler Lucian Freud vor. Fasziniert von Sues üppigem Körper, bat er sie als Modell zu sich nach Hause. In einem Zeitraum von vier Jahren stand sie ihm vor oder nach ihrer Arbeit und an den Wochenenden Modell, nackt. Insgesamt entstanden vier Bilder und ein paar Radierungen. Das Gemälde "Benefits Supervisor Sleeping" aus dem Jahr 1995 erzielte im Mai 2008 bei Christie's die Rekordsumme von 33,6 Millionen Dollar, den höchsten Betrag, den ein lebender Künstler je für ein Bild bei einer Auktion erhielt. "Alle dachten, ich lungere nur auf dem Sofa herum, dabei war das sehr anstrengend", sagt sie und lacht.

Aus den Musen mit Göttinnen-Status wurden Frauen aus Fleisch und Blut

Im antiken Griechenland glaubte man noch, dass Künstler auf die Arbeit göttlicher Musen angewiesen seien, um "das gewisse Etwas" zu erlangen. Die Musen lebten auf dem Berg Helicon und "atmeten" den Dichtern und Musikern "ihre Lieder ein". Im Gegenzug wurden sie mit Poemen und Gesängen geehrt. So war die Sache mit der Inspiration ein fairer Handel zwischen Muse und Mensch. Später verloren die Musen ihren Göttinnen-Status. Die Muse wurde zur Frau aus Fleisch und Blut. Man konnte sie anfassen, küssen, verführen und - weit schlimmer - enttäuschen, verlassen und verraten. Die berühmteste Muse, die Bildhauerin Camille Claudel, Geliebte und Schülerin von Auguste Rodin, ging an ihrer Liebe zugrunde. Die Dichterin Sylvia Plath, verheiratet mit dem englischen Schriftsteller Ted Hughes, nahm sich aus Liebeskummer das Leben.

Manchmal haben sie geplaudert. Sue Tilley und Lucian Freud. Über sein Leben. Wie er einmal Judy Garland traf. Über Popkultur. "Die mag er nämlich auch. Aber eine Muse? Ich weiß nicht. Eine Muse sollte kunstinteressiert sein und ist vielleicht auch in den Künstler verknallt. Das war ich definitiv nicht."

Aber manchmal, da passiert es eben doch. Leonard Cohen verliebte sich auf der Stelle, als er Marianne zum ersten Mal sah, an diesem sonnigen Frühlingsmorgen im Jahr 1960. In einem kleinen Lebensmittelladen auf der griechischen Insel Hydra. Ein umwerfender Augenblick. "Die schönste Frau, die ich in meinem Leben je sah", würde er später sagen. Marianne und ihr vier Monate alter Sohn waren gerade von ihrem Mann, dem Schriftsteller Axel Jensen, sitzen gelassen worden. Leonard Cohen erwies sich als geduldiger Tröster. "Meine Annäherung an Leonard erfolgte allerdings im Zeitlupentempo", sagt Marianne Ihlen. Für Marianne war er Mann, Freund, Familie. Und sie bot ihm Frieden, Schönheit, ein Wolkenkuckucksparadies, frei von moralischen oder intellektuellen Fallstricken und Verwicklungen. "Du hast mich befreit, du heißt mich willkommen, bin mehr als ein Gast", dichtete Cohen damals. Bei ihr konnte er schreiben, mit ihr konnte er durchatmen, er veröffentlichte in dieser Zeit fünf Bücher, zwei Romane und drei Gedichtbände.

Doch Cohens wachsender Erfolg als Dichter und Mariannes wachsende Eifersucht führten zum Bruch: "Ich wollte ihn am liebsten einsperren und den Schlüssel verschlucken. So eifersüchtig war ich", sagt sie heute. Leonard stürzte sich ins Schreiben. Als sich die beiden trennten, verabschiedete er sich: "Es wird wieder Zeit, etwas unglücklich zu sein." 1968 veröffentlichte er sein Debütalbum "Songs of Leonard Cohen". "So long, Marianne", sein Abschiedslied für sie, wurde einer seiner größten Hits. Marianne ging nach Norwegen zurück und verliebte sich in einen Ingenieur. Seit über 30 Jahren ist sie glücklich verheiratet. Die Erinnerung an die Zeit auf Hydra trägt die 73-Jährige auch heute noch in sich - ohne Wehmut. "Diese Liebe war ein Geschenk", sagt sie, "für mich und für Leonard."

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  • Text: Arezu Weitholz
    Foto: Getty Images
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