Hanne Darboven

Wo bleibt die Zeit?

Hanne Darboven war eine der erfolgreichsten und ungewöhnlichsten deutschen Künstlerinnen. 40 Jahre schrieb und beschrieb sie das Vergehen von Lebenszeit.

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Als man sie einmal fragte, was sie gern sein würde, antwortete Hanne Darboven: "Weiter." Das war 1982, auf der Biennale in Venedig, beim Ausfüllen des nach Marcel Proust benannten Fragebogens. Seitdem ist die Künstlerin viel weiter gekommen. Auf dem Papier, in ihrem Kopf. Und in der Zeit.

Die Zeit ist ihr Thema – genauer gesagt der Lauf der Zeit. Hanne Darboven macht ihn räumlich fassbar. Sie schreibt unablässig und übersetzt dabei gelebte Zeit in geschriebene. Was dabei herauskommt, sind endlose Kolonnen aus Zahlen und Buchstaben, die auf den ersten Blick keinen Sinn ergeben. Sie hat sich Kalenderdaten als Grundlage genommen, die Ziffern jedes Tagesdatums zusammenaddiert und diese Quersummen in Kästchen eingetragen. Ein ganzes Jahrhundert wandert in Form von an- und abschwellenden Zahlenreihen über hunderte, tausende, abertausende Papierbögen – später kommen Auszüge aus Texten und Bilder dazu. Die haben das Werk aber nicht zugänglicher gemacht, eher neue Rätsel aufgegeben.

Hanne Darboven: "Alles ist bereits gemalt."

Ihre riesigen Schriftbilder faszinieren und machen zugleich ratlos. Faszinierend ist, dass die Bilder aussehen wie Seiten aus einem Schönschreibheft, nie scheint Darboven die Hand müde geworden zu sein. Ratlos machen die Bilder, weil man dahinterkommen, verstehen, etwas lösen will. Das Gefühl, einen Ausschnitt verstanden zu haben, wird abgelöst von dem, dass noch viel mehr dahintersteckt. Ihr Werk nur auf sich wirken zu lassen, funktioniert nicht.

Hanne Darboven selbst sagt nicht viel, und wenn, sind es Sätze wie: "Mein Geheimnis ist, dass ich keins habe." Vielleicht meint sie das sogar ernst. Trotzdem ist es schwer zu glauben. Irgendwas muss es sein, was sie antreibt. Jedes Weiter hat irgendwo einen Anfang.

Und der Anfang ist, dass Hanne Darboven, als sie noch keine 25 Jahre alt ist, für sich erkennt, "dass alles bereits gemalt ist". Mit Pinsel und Farbe kommt sie nicht mehr voran. Ihre Lehrer an der Hamburger Hochschule für bildende Künste wissen nicht, wohin mit den Ambitionen der jungen Frau. Hoch gebildet ist sie, Spross der durch Kaffee reich gewordenen Hamburger Kaufmannsfamilie Darboven. Das Leben in Hamburg in einer konservativen Familie bedeutet Stagnation für sie. Die Künstlerstadt Paris ist ihr zu antiquiert. 1966 bricht sie nach New York auf.

Hanne Darboven ist nach Jahren der Qual auf ihrem Weg

Die amerikanische Kunst entwickelt sich gerade zum ersten Mal unabhängig von Europa in eine neue Richtung: Nach Jahrzehnten emotionsgeladener Farborgien kommen Minimalisten wie Sol LeWitt. Als sie ihn trifft, hat Hanne Darboven längst aufgehört zu malen. Sie zeichnet Konstruktionen aus Linien und Zahlen auf Millimeterpapier. Wie sehr sie gesucht, wie sehr sie sich gequält hat, ist diesen frühen Werken anzusehen. LeWitt und der einflussreiche Galerist Leo Castelli bestärken sie. Jetzt ist sie auf dem Weg. Und sie wird nicht mehr von ihm abweichen.

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  • Text: Tinka Dippel
    Fotos: Hanne Darboven; © Deutsche Guggenheim; Mathias Schormann
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