Zum Filmstart von "Never Sorry"
Ai Weiwei: "Sage offen, was Du sagen musst"
Ai Weiwei ist Chinas berühmtester Künstler und Regimekritiker. In der Doku "Never Sorry" zeigt Alison Klayman, was Ai Weiwei und sein Werk so besonders macht. Eine Vorschau in Bildern.
Die Fotos der Kunstwerke stammen aus dem Buch "Ai Weiwei" von Karen Smith, Hans Ulrich Obrist und Bernard Fibicher, Phaidon Verlag, Berlin.
Die Kamera ist ein ständiger Begleiter im Leben des chinesischen Künstlers und Regimekritikers Ai Weiwei (57) - weil er damit Eindrücke festhält, Statements aufnimmt oder ganze Filme dreht, aber auch, weil er unter Beobachtung der chinesischen Regierung steht. Für Ai Weiwei sind Kunst und menschliche Freiheit untrennbar miteinander verbunden. Im Kampf für diese Freiheit stellt sich Ai Weiwei selbstbewusst und unbeirrbar seinen Gegnern entgegen - und geht dabei ein hohes Risiko ein.
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Ai Weiweis Popularität, die er gerade auch im Ausland besitzt, kann ihn nur bedingt schützen. Im August 2009 wird der Künstler bei einem Übergriff durch Sicherheitsbeamte so schwer am Kopf verletzt, dass er sich einen Monat später, während der Vorbereitungen seiner Münchner Einzelausstellung "So Sorry", einer Notoperation unterziehen muss.
Im April 2011 verschwindet Ai Weiwei spurlos. Niemand weiß, wo er ist und wie es ihm geht. Auf weltweiten Protestkundgebungen fragen Menschen "Wo ist Ai Weiwei?". Nach drei Monaten taucht er plötzlich wieder auf. Was in dieser Zeit passiert ist, darüber darf Ai Weiwei nicht sprechen. Seit Juni 2011 steht er unter politischem Hausarrest, der in Kürze aufgehoben werden soll.
Ai Weiweis Verbündeter im Kampf um (Meinungs)Freiheit ist das Internet. "Ich kann, dank des Internets und der Medien, freier kommunizieren und meine Botschaft verbreiten, das ist sehr wichtig. Ich glaube daran, dass wir in einer neuen Welt leben, dass wir heute andere Möglichkeiten haben und dass wir die Welt zu einem besseren Ort für jeden machen können", sagt Ai Weiwei.
Ai Weiwei will, dass seine politischen Bemühungen zum Kunstwerk werden. Er nehme die Verantwortung wahr, zum Sprachrohr für alle Menschen um ihn herum zu werden, die vollständig hoffnungslos geworden seien. So boykottierte Ai Weiwei, obwohl zuvor an der Planung des Stadions beteiligt, die Olympischen Spiele 2008 in seiner Heimatstadt Peking, weil er die Instrumentalisierung der Spiele zur Selbstinszenierung des Regimes nicht befürworten wollte und kritisierte, dass Menschen für den Bau der Sportstätten zwangsumgesiedelt wurden.
Ai Weiweis Kunst ist aber nicht nur politisch, sondern auch poetisch. Ein brillantes Beispiel dafür ist seine Skulptur "Descending Light" (2007).
Wie vielseitig Ai Weiwei als Künstler ist, zeigte er auch bei der documenta 12, als er 1001 Landsleute mit nach Kassel nahm. Das menschliche Kunstwerk hieß "fairytale" und wurde auf der documenta 12 durch 1001 Holzstühle aus der Qing Dynastie symbolisiert.
Ein weiteres Großprojekt des umtriebigen Künstlers: die Installation "Sunflower Seeds". Für die Turbinenhalle der Tate Modern in London ließ Ai Weiwei 100 Millionen handbemalte Sonnenblumenkerne aus Porzellan anfertigen - und half selbst auch mit. Allerdings habe er nur ungefähr drei Kerne selbst bemalt und dabei handele es sich um die am wenigsten gelungenen, meinte der Künstler. Mit der Installation wollte Ai Weiwei einerseits an die Porzellan-Kunst seiner Heimat erinnern, andererseits aber auch an die Not in China. Sonnenblumenkerne sind für viele Chinesen eines der wichtigsten Nahrungsmittel.
Marcel Duchamp war ein Meister darin, Alltagsgegenstände in neue Zusammenhänge zu bringen. Mit seinen Arbeiten hat der französische Künstler auch Ai Weiwei beeinflusst. In der Skulptur "Forever" von 2003 arrangierte Weiwei zum Beispiel 42 Fahrräder neu, das wichtigste Verkehrmittel in China.
Ai Weiwei beschäftigt sich intensiv mit der klassischen chinesischen Kunst und sammelt neolithisches Steinwerkzeug, han-zeitliche Gefäßen, antike Möbel. Für seine Installationen verändert er die Sammelstücke - wie hier eine Vase aus der Tang Dynastie - um sie so wieder in das Zentrum der Aufmerksamkeit zu rücken und die heutige chinesische Gesellschaft für die Traditionskunst zu begeistern.
Dafür geht Ai Weiwei, der es liebt zu provozieren, sogar so weit, dass er alte Kunst zerstört, so wie hier eine Urne für die Fotoserie "Dropping a Han Dynasty Urn" (1995).
Wer die Dokumentation "Never Sorry" sieht, bleibt voller Bewunderung für Ai Weiwei zurück, der so mutig für eine bessere Welt eintritt und so unbeirrbar daran glaubt. Was die Generation seines Vaters falsch gemacht hat, wie Ai Weiwei selbst sagt, versucht er zu richten - und hofft, dass sein heute dreijähriger Sohn später einmal in einem freien China leben kann.
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