„Ich kann den Tod noch so oft spielen, und trotzdem bin ich ratlos wie eh und je.“
BRIGITTE WOMAN: Was ist die andere Seite der Medaille?
Bruno Ganz: Wir leben in Großstädten, entfernen uns von der Natur, werden virtuell, schaffen Gott ab. Es ist sehr selbstherrlich, wie wir glauben, wir könnten alles kontrollieren, bestimmen und beherrschen. In Zürich gibt es Dignitas, eine Art Firma für Sterbehilfe. Menschen reisen zum Sterben in die Schweiz - das hat für mich einen durchaus touristischen Aspekt. Andererseits aber kann ich auch nichts dagegen sagen, wenn es jemand nicht mehr aushält, wenn er sterben will. Ich denke, es muss möglich und erlaubt sein, dass solchen Menschen geholfen wird.
BRIGITTE WOMAN: Sie spielen in letzter Zeit ja öfters Menschen mit unheilbaren Krankheiten - in "Ein starker Abgang" an der Seite von Monica Bleibtreu etwa oder als Tiziano Terzani in "Das Ende ist mein Anfang". Sie haben sich also viel mit dem Thema Tod beschäftigt...
Bruno Ganz: Ja, aber ich komme zu keinem Schluss. Ich kann den Tod noch so oft spielen, und trotzdem bin ich ratlos wie eh und je. Immer öfter befällt mich jedoch die Ahnung, dass er außerordentlich schrecklich sein kann. Wenn ich mir vorstelle, es würde mitten in einer überfüllten Züricher Straßenbahn oder Berliner U-Bahn passieren, schrecklich. Ja, diese Sache rückt näher und näher. Der Tod beschäftigt mich. Aber es erdrückt mich nicht.
BRIGITTE WOMAN: Und Sie sterben hoffentlich auch nicht in Ihrem nächsten Film.
Bruno Ganz: Nein (er lacht). Ganz im Gegenteil. Da spiele ich einen Reitlehrer, der mit einer jüngeren Frau nach Ungarn durchbrennt.
BRIGITTE WOMAN: Das klingt, als hätte es Spaß gemacht.
Bruno Ganz: Und wie! Bruno Ganz schaut auf die Uhr. Der Hofgarten leert sich. Übrig bleiben ein paar Boule-Spieler und ein dünner Sichelmond. Im Laufschritt eilen wir zurück zum Hotel. Zum nächsten Interview. Unterwegs, am Straßenrand, sitzt ein Akkordeonspieler und spielt mit traurigen Augen eine heitere Melodie. Bruno Ganz bleibt stehen und greift in die Tasche seines Mantels.
Zur Person: Bruno Ganz
Bruno Ganz gilt als einer der bedeutendsten deutschsprachigen Schauspieler. Schon mit 23 Jahren arbeitete er am Bremer Theater mit Regisseuren wie Peter Stein und Peter Zadek. Theatergeschichte hat der gebürtige Schweizer in den 70er Jahren an der Berliner Schaubühne geschrieben. Später auch mit seiner Rolle als Faust in Steins 21-stündiger Inszenierung auf der Expo 2000. Inzwischen hat sich Bruno Ganz vom Theater zurückgezogen und sich ganz dem Film verschrieben. Mit "Der Himmel über Berlin", "Brot & Tulpen" oder "Der Untergang" wurde der Schauspieler dem breiten Publikum bekannt.







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