BRIGITTE-woman.de: Was hat Sie verändert?
Annie Lennox: Zum Beispiel, dass ich Mutter wurde. Dadurch wurde ich erwachsen. Da kommen ja plötzlich diese kleinen Menschen in dein Leben, mit denen du eine ganze Zeitspanne teilen wirst. Man wird mit der Frage nach dem Sinn des Lebens konfrontiert. Ich entwickelte mehr Leidenschaft, mehr Empathie und diese bedingungslose Liebe, die man nur für seine Kinder empfindet. Dass ich neues Leben geschaffen habe, hat meinem Leben eine ganz andere Richtung gegeben und mich für neue Erfahrungen geöffnet.
BRIGITTE-woman.de: Ein Beispiel?
Annie Lennox: Ich reagiere anders, weil ich Vorbild sein muss. Man kommt nicht mehr mit der zweitbesten Lösung davon. Man muss Liebenswürdigkeit, Geduld und Toleranz zeigen, auch wenn man noch so erschöpft ist. Für mich war das eine große Herausforderung. Ich stand oft unter Stress, weil ich ja gleichzeitig versuchte, als Künstlerin zu arbeiten.
BRIGITTE-woman.de: Haben Sie sich deshalb in der Musikszene rar gemacht?
Annie Lennox: Ich habe meine Arbeit stark eingeschränkt. Und ich bin froh darüber. Aber die Schuldgefühle waren trotzdem die ganze Zeit da. Wie oft dachte ich, dass ich meinen Kindern nicht genügend Zeit widmen würde. Und wenn ich dann im Studio war, fühlte ich mich schuldig, weil ich mich nicht genug meiner Musik widmete. Ich war wie zerrissen. Aber mir ist klar, dass es den anderen Frauen, die arbeiten und Kinder haben, nicht anders geht.
BRIGITTE-woman.de: Gab es noch etwas anderes, was zu Ihrem Selbstbewusstsein beigetragen hat?
Annie Lennox: Ein sehr wichtiger Schritt war für mich, als Solokünstlerin und nicht mehr als Teil der Eurythmics aufzutreten. In der Arbeit mit Dave Stewart war ich eine Symbiose eingegangen, eine sehr intensive Beziehung, im kreativen, aber auch im persönlichen Bereich.
BRIGITTE-woman.de: Sie meinen, weil Sie ganz am Anfang auch im Privatleben ein Paar waren?
Annie Lennox über das Leben - und den Tod
„Nicht nur der Tod, auch das Leben macht uns Angst.“
Annie Lennox: Ja. Wir kannten einander einfach zu gut. Irgendwann fühlte sich das an, als wären wir schon 100 Jahre zusammen. Dann kam der Schnitt: Ich ging meine eigenen Wege und musste Verantwortung für mich selbst übernehmen. Und das hat mein Selbstvertrauen sehr gestärkt. Das heißt ja nicht, dass ich keine anderen Menschen mehr brauche. Aber im kreativen Prozess treffe ich alle wichtigen Entscheidungen selbst.
BRIGITTE-woman.de: In Ihrem Leben gab es noch weitere sehr existenzielle Erfahrungen. Sie mussten den Tod einiger Ihrer Freunde und Verwandten verkraften. Was hat sich für Sie seitdem verändert?
Annie Lennox: Wenn man miterlebt, wie ein nahe stehender Mensch stirbt, nimmt einem das vielleicht auch ein bisschen die Angst vor dem eigenen Tod.
BRIGITTE-woman.de: Hat Sie diese Angst früher beschäftigt?
Annie Lennox: Sie war jedenfalls viel ausgeprägter als heute. Jetzt habe ich das Gefühl, dass das Leben eine Reise ist, die irgendwann zu Ende geht. Jedenfalls in diesem Körper, in dem ich jetzt lebe. Ich weiß natürlich nicht, wann das Ende sein wird.
BRIGITTE-woman.de: Trotzdem sind Sie jetzt beruhigter?
Annie Lennox: Wenn man einmal verstanden hat, dass alles vorübergehend ist, ist es nicht mehr so Angst einflößend. Aber es ist trotzdem hart, Freunde zu verlieren. So wie meinen Kollegen Michael Kamen, mit dem ich sehr gut befreundet war. Er kam aus Atlanta zurück nach London geflogen, hinterließ mir noch vom Flughafen aus per Handy eine nette Botschaft auf dem Anrufbeantworter, fuhr nach Hause und starb. Einfach so. Das tat sehr weh. Genauso wie der Verlust meiner Freundin Christa Fast aus der Nähe von Köln, in deren Studio ich oft mit Dave Stewart gearbeitet hatte. Aber inzwischen habe ich erkannt, dass nicht nur der Tod, sondern auch das Leben uns Angst macht. Es ist die eigentliche Herausforderung.







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