Sven Regener
Kreuzberger Nächte

"Herr Lehmann" alias Sven Regener besucht seine alten Stammkneipen in Berlin - eine Reise zu den Anfängen seiner Band Element of Crime und ein Besuch an den Schauplätzen seiner Romane.

Sven Regener kommt zu spät. Das findet er gar nicht gut. Sven Regener ist ein höfl icher Mensch, also ruft er lieber an: "Tut mir leid, ich häng fest. Das ist wieder ein Arschverkehr!" Ein höfl icher Mensch mit einer sehr deutlichen Sprache. Und obwohl er mit Unterbrechungen seit bald 30 Jahren in Berlin lebt, klingt sein kratziger Slang nach Neue Vahr Süd. Oder nach Hamburg- Altona. Typisch norddeutsch eben. Sven Regener kommt aus Bremen.

Im "Ex'n'Pop" hing Sven Regener schon ewig nicht rum. Das Lametta von Silvester allerdings schon.

Im "Ex'n'Pop" hing Sven Regener schon ewig nicht rum. Das Lametta von Silvester allerdings schon.

Dort wurde er am 1. Januar 1961 geboren, dort wuchs er auf, lernte klassische Gitarre, später Trompete, Klavier und E-Gitarre. Aus Bequemlichkeit ging er nach dem Abitur zur Bundeswehr, wechselte zum Zivildienst nach Lüneburg, studierte zwei Semester Musikwissenschaften in Hamburg und zog mit 21 nach Berlin, "wegen einer Frau".

"Berlin, das war damals die dunkle Mauerstadt, aus der man nur rausfuhr, um ernsthaft zu verreisen." Das Dunkle hatte seine Gründe vor allem im Lebensstil, den Sven bevorzugte. Als Student und Musiker lebte er überwiegend im Paralleluniversum der langen Nächte. Die Tage schleppten sich "verschlafen und verkatert durch", bis es wieder dunkel wurde und man sich im "Café M". oder in der "Ruine" traf. Mitte der 80er Jahre war dieser Kiez der Abenteuerspielplatz der Kunst- und Musikszene. Die Neue Deutsche Welle hatte sich hier auf- und wieder abgeschaukelt, internationale Künstler wie der Australier Nick Cave arbeiteten in der Stadt, in dessen Band The Bad Seeds spielte Blixa Bargeld, Gründungsmitglied der Avantgarde-Rocker Einstürzende Neubauten. "Als ich 1982 mit meiner Trompete nach Berlin kam, wurden Typen wie ich händeringend gesucht. Komm mal nachher ins 'Risiko', hieß es, da haben wir einen Gig. Wir geben dir ein Zeichen, und dann spielst du einfach mit." Zwei Stunden später war Sven Mitglied der Band Zatopek, mit denen er auch gleich eine Schallplatte aufnahm - was ihn unheilbar mit dem Rock'n'Roll- Virus infizierte. Sven tauchte in die Szene ein und ließ sich durch die Nächte treiben.

Aber heute ist helllichter Tag und Sven, inzwischen 47, marschiert ausgeschlafen mit viel zu großen Schritten, die Arme vom Körper gespreizt, wie ein Cowboy durch Schöneberg. Schwarzer Anzug, dunkelblaues Hemd. Die Augen gucken stechend durch eine extragroße Hornbrille. Schon cool. Zielsicher steuert er auf die mintgrüne Ladentür eines unscheinbaren Wohnhauses an der Potsdamer Straße zu. Das "Ex'n'Pop" liegt direkt gegenüber dem Berliner Sozialpalast, einer scheußlichen Bausünde aus den 70ern. Früher hieß der Laden "KOB". Hier hatten Sven Regeners Element of Crime 1985 ihren ersten Auftritt. Ein finsterer Rocker-Nachtclub mit langem Tresen, einer winzigen Bühne und einem abgeranzten Mini-Kino dahinter. Eine der letzten authentischen von unzähligen Westberliner Bars zwischen Kreuzberg und Charlottenburg. Noch heute muss man klingeln, wenn man nachts reingelassen werden will. Tagsüber erst recht.

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  • Text: Jan Gritz
    Fotos: Max Lautenschläger
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